Kunstkontor Dr. Doris Möllers

Janssen, Horst (1929 - Hamburg - 1995)

Die Suite "Hokusai's Spaziergang" 46 Radierungen

Das von Gerhard Schack herausgegebene Buch erschien 1972 im Christians Verlag Hamburg. Es beinhaltet folgende Aufsätze Janssens: Über das Zeichnen nach der Natur. Traktat über die Herstellung einer Radierung. Landschaft. Anspielung und Kopie. Vokabeln der Griffelkunst.
Begleitet wurde es von einer Suite mit 46 Radierungen, in die 50 arabisch und 10 römisch nummerierten Exemplaren nebst einigen Probedrucken ediert wurde.
Durch seinen Freund Gerhard Schack (1929-2007; seine Janssen-Sammlung ist Dauerleihgabe in der Hamburger Kunsthalle) lernte Janssen die Kunst des fernen Osten kennen und bewundern. Hierdurch setzte er sich besonders mit dem Werk Hokusai's auseinander, das er in vielfältigen Zeichnungen und Graphiken paraphrasierte. Die hier zusammengebrachten Radierungen stellen eine Art Hommage an den japanischen "Kollegen" dar: "den … Titel ‚Hokusai’s Spaziergang’ sollte man wohl so verstehen: Janssens Spaziergang an der Hand Hokusais durch die vielfältigen Provinzen der Zeichnung und Radierung." (Gerhard Schack)

Die Suite Hokusai's Spaziergang

"Eine tiefe Zuneigung empfand Janssen zu dem japanischen Maler Katsushika Hokusai (1760-1849), in dessen selbstbiographischen Äusserungen er so manche verwandte Züge zu sich selbst entdeckte. Er ist fasziniert von der hohen Zeichenkunst des Japaners und von der Ähnlichkeit des Schaffens im häuslichen Chaos um sich herum. Hokusai's Landschaften kopierte er gern, oft auch in subversiver Art. (...) Unter den Büchern, in denen sich Janssen vornehmlich der Landschaft widmet, gebührt Hokusai's Spaziergang, in Hamburg 1972 erschienen, ein besonderes Augenmerk. Der Leser spürt, hier auf Janssen's eigenen Weg zum Landschaften geführt zu sein. Es war dieses Buch, für das er den Traktat >über die Herstellung einer Radierung< und das Kapitel über das Zeichnen nach der Natur schrieb. (...) Mit einem Farbholzschnitt von Hokusai, dem Bild eines Drachen, beginnt das Buch den Spaziergang in die Landschaft. Das Original des sich durch Wasserwogen windenden Tieres ist neben einer Vielzahl von gezeichneten und radierten Kopien abgebildet. Das fremde Motiv, das aus dem Mythos des asiatischen Raumes stammende Tier, reizte Janssen zu vielgestaltigen Umformungen. Die Kopien gehen auch auf die Art der japanischen Stilisierung und die eigentümliche Strichführung ein, dagegen stehen dann, wie in Opposition, die von Janssen so genannten Subversionen, die den Bauplan des Bildes umstürzen, um gänzlich Neues aus ihm hervorgehen zu lassen. Der Umbau des Drachen führt bis zum Selbstbildnis. Auch aus Teilen sind Verwandlungen komponiert, bereichert mit reizvollen Gebilden des Gedankenspiels.
Das gewaltige Wesen Drachen hat Janssen auch in ein Gebirgsmassiv und in einen Vulkan abgewandelt, in Themen, die bis dahin in seinen Arbeiten fehlten. Ebenso provozierend mag auch die Formation des Meeres bei Hokusai gewirkt haben, das der Japaner mit grossen Wogen seltsam stilisiert hat.
Janssen's Eroberungen der schwierigsten Formbildungen in der Landschaft, Gebirge und Meer, sind im Buch des Spaziergangs mit ausdruckstarken Beispielen belegt. Da sind der >Kleine Felsen< und der >Grosse Felsen< in ihrer spezifischen Massigkeit gegeben. Das stürmisch bewegte Meer ist im >Riff< in gewaltiger Nahwirkung charakterisiert und mit dem >Kleinen Riff< in grosser Weite. Gelegentlich nennen diese Blätter auch den Ort der Beobachtung z. B. >Der Kullen<, und weisen auf die skandinavischen Reisen hin." (Erna Knoefel, Horst Janssen: Mehr nicht. Sein Werk als Selbstbekenntnis. Hamburg. St. Gertrude, 2002. S. 105 ff)

">Hokusai's Spaziergang< heißt die Radierfolge vom Herbst 1971. Sie bereitete die >Landschaft< wesentlich vor. Sie besticht zunächst einmal durch den ungeheuren Ausstoß von Platten, die zwischen dem 1. Oktober und dem 14. November 1971 druckfertig wurden. Mehrere Platten täglich waren die Regel. Darunter befinden sich Platten, die so ausgearbeitet sind, daß in einer allein viele Stunden intensivsten Handwerks stecken. Während Janssen zuweilen schon nachts, in den ersten Stunden nach Mitternacht, ans Radieren ging, erschöpfte er seinen Drucker Frielinghaus, der an Auflagen noch gar nicht dachte, sondern nur Probedrucke zog und der nach den hektischen Wochen urlaubsreif war. Dieser furiose Radier-Herbst, der am 31. Oktober '71 die hundertste Radierung feierte - natürlich mit einer Radierung -, ist die Entstehungszeit eines Lehrwerks über die Radierung: >Hokusai's Spaziergang<. (...) Frei von Pedanterie und mit um so zwangloseren und gefälligeren Weiterungen - so wollte Janssen sein >Traktat< über die Herstellung einer Radierung verstanden wissen. (...) Als eine der selbstgewählten Vaterfiguren ging ihm dabei Hokusai voran. Was er an dem Japaner am meisten bewunderte, war seine bis ins höchste Alter ungebremste Schöpferkraft. Der Drang, von Bild zu Bild fortzustürmen und sich selber zu überbieten. Jene verschwenderische Produktivität, die auch gegen die beckmessernde Kunstkritik das Werk in die Breite führte." (Blessin, Stefan, Horst Janssen. Eine Biographie. Hamburg 1984. S. 361 ff)

In seinem Tagebuch zu der Radierfolge schrieb Janssen am 1. Dezember 1971:
"In diesem Buch - >Hokusai's Spaziergang< - ist auf den Seiten so + so der Lebenslauf einer Radierung abgebildet. Freund Schack brachte eines Tages ein paar Andrucke von einer Hokusai-Reproduktion mit: ein perlenbewachender Drache im Wasser. Nach und nach überzeichnete ich ihm diese kleinen Bildchen. Einmal machte ich aus dem Drachen ein Portrait, mal eine Landschaft, mal zwei diskutierende Figuren und so weiter. Im Oktober radierte ich dann nach der Vorlage eine reine Kopie. Sowas übt mich ungemein, weil ich beim Radieren nicht vorzeichne und das Nachäffen fremder Handbewegungen viel Artistik erfordert. In der Hauptsache war ich zu der Zeit am Landschaftlern und so sah ich natürlich bald in der hübschen Drachenkopie eine Landschaft mit Wasserfall. Aus diesem Vexierbild habe ich dann die Landschaftsradierung gemacht. Diese mißlang aber - wurde zu flach - zu blaß - eben nicht trefflich. Die Wiederholung ist mir dann aber gelungen: >Hokusai's Spaziergang<. Aber die erste zu blasse, mißlungene Platte ärgerte mich. Ich hab wütend draufgedöst, bis ich mich selbst drin sah und hab sie dann weitergeätzt und gekratzt zum >Selbst in Hokusai<. Vielleicht ist der Witz zu weit getrieben, wenn ich sie mir nun noch mal vornehme und gänzlich verdunkele, daß nur noch ein kleiner weißer Drache aus der hellen Backenpartie übrigbleibt."


Ein Drache windet sich durch die Welten.

Kaltnadelradierung mit Strichätzung und Aquatinta auf Bütten, mit Bleistift signiert, datiert und als "P"(robedruck ) bezeichnet, in der Platte bezeichnet "für Schack + mich", "Hokusai" sowie spiegelverkehrt bezeichnet und datiert, "Hokusai 14.10.1971. 19,1 : 18,6 cm auf 46,6 : 28,4 cm.
Frielinghaus 782 (1971); Gäßler 13/6.
Einer von 15 Probedrucken vor der Auflage von 50 Exemplaren.
Verso kleine Montagestreifen, sonst vorzüglich erhalten.
Blatt 1 der Suite "Hokusai's Spaziergang", gedruckt von Hartmut Frielinghaus, Hamburg, verlegt von Gerhard Schack, Christians Verlag, Hamburg 1972.
Mit Hokusais Holzschnitt eines sich durch die Wellen wälzenden Drachens hat sich Janssen immer wieder auseinandergesetzt. Zunächst überzeichnete er die Reproduktion mit Farbstiften mit "dem genüßlichen Vergnügen, eine bestehende Harmonie in leichtfertiger Bosheit zu zerstören. - Ich meine das Weiter- und Überzeichnen bereits vorhandener Bilder; ihre Ordnungen im ersten und zweiten Zuge aufzubrechen, so daß uns in Erinnerung an das Gewesene eine kleine schmerzliche Erregung anfällt, die dann den zerstörerischen Stift im dritten, vierten und fünften Zuge zu neuen Harmonien bewegt" (Horst Janssen).
Schack schreibt im Nachwort der Buchausgabe über die Technik: "Ätzung und Flächenätzung mit vorsorgenden Lackspritzern auf Zink. Die Grauflächen, an deren Rändern in den Dunkelheiten die mit winzigen Lackspritzern erzeugten weißen Noppen sichtbar sind, waren mit verdünntem Asphaltlack bedeckt. Wenn das als Verdünnungsmittel verwendete Terpentin verdunstet, kann die Säure unregelmäßig durchdringen und es entstehen diese einer Pinsel-Lavierung ähnlichen Tonflächen." In seinem Buch "Horst Janssen. Drache und Schmetterling. Zeichnungen und Radierungen nach japanischen Vorbildern, München 1989" führt Schack weiter aus: "In dieser Widmung verbindet sich der Gedanke an den Empfänger mit den ersten Regungen zum Plan einer Radiersuite in noch undeutlichen Konturen, deren Keimzelle die gezeichneten und radierten Kopien und Variationen nach diesem Surimono von Hokusai gewesen sind. Neben der Widmung trägt der erste Probedruck doeser Radierung, in einer Anspieleung an den Drachen, der sich durch die Wellen windet, vor der Signatur die Notiz >mit sich selbst kämpfend<. (...) Den für die Radiersuite und für das Buch gewählte Titel >Hokusai's Spaziergang< sollte man wohl so verstehen: Janssens Spaziergang an der Hand Hokusais durch vielfältige überlieferte Provinzen der Zeichnung und der Radierung."


Nebel in Baurs Park.

Strichätzung und Aquatinta auf grauem Bütten, mit Bleistift signiert, datiert und als "P"(robedruck ) bezeichnet, 1971. 12,6 : 16,2 cm auf 45,7 : 28,4 cm.
Frielinghaus 759 (1971); Gäßler 13/2.
Blatt 2 der Suite "Hokusai's Spaziergang", gedruckt von Hartmut Frielinghaus, Hamburg, verlegt von Gerhard Schack, Christians Verlag, Hamburg 1972.
Einer von 10 Probedrucken vor der Auflage von 50 Exemplaren.
"Wenn ich auf meinen 2 x 1,5 m ausgemessenen Balkon trete - auf den „Söller" meiner Burg und auf das Ahornblatt sehe - da vorn - dessen Gelb um einiges heller glüht als der aus purem Licht bestehende Herbstmorgenhimmel, wenn ich auf die riesige Wand der Buchen und Linden da drüben im Baurs-Park gucke und mir aus abertausend Tautropfen abertausend hellste Sonnen ins Auge dringen, aufblitzend + verlöschend und wieder aufblitzend, weil mein Pulsschlag mich um ein winziges Weniges bewegt und alles ausser mir so still + klar ist, als hätte grad eben der grosse Glasbläser die Welt von seiner Pusteröhre abgenommen - wenn dann mein Blick vom Söller runter in den kleinen blauverschatteten Garten fällt, auf die zerbrochenen Hölzer einer alten Leiter, grau-schwarz-schimmel- und moosgrünfarben, die da eine Zeichnung nachahmen, die ich gestern am Tisch von einem ganz anderen Sujet gemacht habe - aus Tafelkreide, Graphit und 2 Grüns, wenn MEIN Auge auf diese zaghafte Weise in den Tag eintritt - dann, ja dann habt „Ihr" keine Chance!" (Horst Janssen)

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