Kunstkontor Dr. Doris Möllers

Schmidt-Rottluff, Karl (Rottluff bei Chemnitz 1884 - 1976 Berlin)

Morgensonne (Blick aus dem Atelierfenster auf das Blaue Haus).

Farbkreiden und Tusche auf Ingres-Papier, mit Tusche signiert und rückseitig in Bleistift betitelt, um 1960.
39,8 : 53,4 cm.
Im ehemaligen Passepartout-Ausschnitt sehr geringfügig gebräunt, verso Montierungsstreifen, sonst tadellos erhalten.
Provenienz: Geschenk des Künstlers an den Erstbesitzer; Galerie Bekker vom Rath, Frankfurt; Privatsammlung Frankfurt.

Hanna Bekker vom Rath (1893-1983) hatte in ihrem Blauem Haus in Hofheim im Taunus seit 1920 eine der bedeutsamsten Sammlungen des deutschen Expressionismus aufgebaut, wodurch sie einen engen Kontakt zu den Brücke-Künstlern bekam. Besonders Karl Schmidt-Rottluff verbrachte produktive Aufenthalte in Hofheim. 1932 kam er zum ersten Mal und kehrte bis 1972 regelmäßig dorthin zurück. Hanna Bekker vonm Rath stellte ihm während seiner Aufenthalte ihr eigenes Atelier zur Verfügung. 1954 baute sie ein Atelierhaus in ihrem Garten, in dem sie eine Etage nur für ihn bereithielt. Häufig traf er im Blauen Haus seine Freunde, vor allem Erich Heckel und Emy Roeder.
Literatur: Brücke und Blaues Haus. Heckel, Kirchner, Schmidt-Rottluff und die Sammlerin Hanna Bekker vom Rath. Katalog der Ausstellung im Stadtmuseum Hofheim am Taunus 2010.
"Das Aquarell sowie vor allem die Tuschpinselzeichnung werden von 1964 an die Hauptausdrucksmittel des Künstlers, begleitet von einer Anzahl in Mischtechnik - Pastell und Tusche - ausgeführten Zeichnungen. Schmidt-Rottluff hat inzwischen sein 80. Lebensjahr erreicht. Auch in den späten Aquarellen und Zeichnungen wird die früher so sinnenstark erlebte Wirklichkeit umgewandelt. Schmidt-Rottluff beginnt mehr und mehr hinter seinem Werk zurückzutreten. Die Konturen werden mit breitem, trockenem Pinsel gezogen; kraftvoll wird der Ausdruck gesteigert. Vor allem in den Tuschpinselzeichnungen werden noch einmal die expressiven Ausdrucksmittel intensiviert. Mit großartiger Konsequenz weiß er alle in dieser speziellen Technik liegenden Möglichkeiten zu nutzen. Schmidt-Rottluff selbst hat seine späten Tuschpinselzeichnungen als 'Schwarzblätter' bezeichnet, da die Tusche hier nicht mehr verdünnt, sondern tiefschwarz eingesetzt wird. [...] Parallel zu den letzten Aquarellen sind auch die letzten, teilweise mit dem Tuschpinsel kombinierten Farbstiftzeichnungen entstanden. Die Suche nach der bildhaften Form hat Schmidt-Rottluffs Schaffen bis zuletzt bestimmt. Bis zuletzt war er Expressionist und hat diesem Stil in einer sich verändernden, nun von Abstraktion, Informel, Pop- und Op-Art geprägten Kunstwelt verteidigt. Sein Programm war stets, wie er 1914 formuliert hat, 'das zu fassen, was ich sehe und fühle und dafür den reinsten Ausdruck zu finden'". (Moeller, Magdalena M., Karl Schmidt-Rottluff. Werke aus der Sammlung des Brücke.Museums Berlin. München1997. S. 46f).


Gespräch vom Tod.

Holzschnitt auf festem Bütten, mit Bleistift signiert und bezeichnet "2022" (für 22 Graphik in 1920), 1920. 17,8 : 13,6 cm auf 46 : 29,5 cm. Schapire H 267; Söhn HDO 311-4. Handabzug vor der Auflage von 100 Exemplaren für die Vorzugsausgabe von "Das Holzschnittbuch", herausgegeben von Paul Westheim.
Provenienz: Privatsammlung Rheinland-Pfalz.
Geringfügig fleckig, sonst schöner Frühdruck in sattem Schwarz.
Graphische Variante zu dem gleichnamigen Gemälde (Pinakothek der Moderne, München). In einem abgedunkelten Raum führen zwei Personen ein Gespräch über den Tod. Ihre überdimensierten Köpfe scheinen eine Reminessenz an die in der frühen Brückezeit entdeckten afrikanischen Plastiken zu sein. Schmidt-Rottluff folgt hier mit der Darstellung eines Dialoges einem 1912 von Heckel geschaffenen Bild, das zwei Männer im Gespräch unter dem Bild des Gekreuzigten darstellt. Hier jedoch fehlt der christliche Kontext. Stattdessen gibt es zwischen den Beiden (auf dem Gemälde gelblich leuchtend) eine prismatische Form, die eine Lampe oder ein Fenster darstellen kann. Bezüglich des Bildthemas deutet sie auf ein Zeichen des Trostes gegenüber der menschlichen Vergänglichkeit hin. Damit ist es ein für Schmidt-Rottluff typisches Werk der Nachkriegszeit, in der er nach all den Kriegserlebnissen in gleichnishafter Form menschliche Grundbefindlichkeiten thematisiert.
In der Sammlung Gerlinger befindet sich das Gemälde "Du und ich" von 1919. Es zeigt Schmidt-Rottluff mit seiner Ehefrau Emy Frisch kurz nach der Heirat vom 21. März 1919 in dem Leuchtturm von Hohwacht in der Lübecker Bucht. Die Komposition erinnert sehr an den Holzschnitt bzw. das Münchner Gemälde. Nun ist die mosaikartige Fläche eindeutig als Fenster gekennzeichnet und wird als Verbindung der beiden zur Außenwelt gedeutet.
Somit könnte also auch hier ein Doppelportät des Künstlers und seiner Frau vorliegen, dass das Paar in jenem Leuchtturm zeigt, über ihr Dasein sprechend. Immer deutlicher empfand Schmidt-Rottluff „dieses Gespanntsein zwischen Diesseits und Jenseits“, wie er selbst schrieb.

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