Kunstkontor Dr. Doris Möllers

Schmidt-Rottluff, Karl (Rottluff bei Chemnitz 1884 - 1976 Berlin)

Nächtliche Straße (Gartenstraße in Rottluff bei Chemnitz).

Lithographie auf festem Bütten, mit Bleistift signiert und datiert, am unteren Rand betitelt, 1906. 25 : 31,5 cm. Schapire L 4. Eine Auflage ist nicht bekannt, der Stein wurde abgeschliffen.
"1906 entstanden Schmidt-Rottluffs erste Lithographien. Die Technik hatte ihm der mit ihm gut bekannte Robert Sterl vermittelt. Wie in den frühen Aquarellen entsteht ein unruhiger, flakkernder Eindruck. [...] Die Gegenständlichkeit ist nur schwer zu erkennen. Interesse an flimmerndem Licht als letztes Erbe des Impressionismus verbindet sich mit einem expressiven Interesse an Ausdruckssteigerung." (Moeller, Magdalena M., Die Brücke. Zeichnungen, Aquarelle, Druckgraphik. Katalog der Ausstellung im Brücke-Museum Berlin 1992. S. 424f.)


Nächtliche Straße (Gartenstraße in Rottluff bei Chemnitz).

 

 

"Daß der Steindruck mehr als dekorative Gebrauchskunst sein und dem Ausdruck so noch nie gesehener Bekenntnisse und Bedrängnisse dienen könnte, erkannten die jungen Deutschen und erkannte auch Schmidt-Rottluff erst vor den erregenden Blättern Edvard Munchs. Wie wenig gerade er jedoch in die Gefahr einer Abhängigkeit von dem als Vorbild bewunderten großen Norweger geriet, bewies Munchs Verhalten in dem Augenblick, da er bei Gustav Schiefler die ersten Lithographien von Schmidt-Rottluff sah und erkennen mußte, daß ein von ihm am Ende geglaubter Weg von einem Jüngeren doch noch weitergeführt werden konnte. Die Bedeutung, die dieser Reaktion Munchs auf Arbeiten Schmidt-Rottluffs zukommt, mag die auszugsweise Veröffentlichung des ersten Berichtes darüber rechtfertigen, der in einem Brief Schieflers vom 4.5.1907 enthalten ist: 'Ich habe die Blätter einer ganzen Reihe von Bekannten gezeigt, von denen sich natürlich ein Teil ablehnend verhält. Aber mehr als das, was ich von meinem Eindruck sagen kann, wird Sie interessieren, wie Munch und Richard Dehmel sich zu den Sachen stellten. Munch war zuerst, ich möchte fast sagen, erschrocken. Folgenden Tages sagte er, er hätte immer an die Lithographien denken müssen; da steckte etwas sehr Merkwürdiges darin, und er wäre sehr gespannt, weitere von ihnen zu sehen.' In seiner Antwort bestätigt Schmidt-Rottluff seine Wertschätzung Munchs, geht aber insbesondere auf eine bestimmte Charakterisierung seiner Arbeiten durch Schiefler ein: 'Rhythmisierung - für das Wort bin ich Ihnen besonders dankbar. Der Rhythmus, das Rauschen der Farben, das ist das, was mich immer bannt und beschäftigt. Wenn Ihnen bei einingen Blättern das Gegenständliche noch nicht ganz zur Vorstellung gekommen ist, so ist es freilich schwer, darüber etwas zu sagen, wo mit einer Bewegung der Hand alles gesagt ist. Aber vielleicht sind Ihnen auch diese Blätter inzwischen zugänglicher geworden...' Die ungeheuer starke Rhythmisierung, die Ausgewogenheit und Wohlklang durch kaum noch erträglich scheinende Spannungen ersetzt, ist in der Tat ein wesentliches und die Entwicklung voranreißendes Kriterium in diesen frühen Lithographien Schmidt-Rottluffs, die natürlich gleichzeitig auch als Dokumente der Sturm- und Drangperiode dieses Künstlers gelten können. Hier gibt es keinen verklärenden Abstand und keine objektivierende Auseinandersetzung mit der Natur, nur eine Identifizierung mit ihr, ein förmliches Hineinwühlen in sie, um so ihre innerste Wesenhaftigkeit herauszuholen und zur eigenen machen zu können. Bäume und Häuser werden mit ungezügeltem Zugriff angegangen, das Meer heran- und der Himmel heruntergeholt, weil hinter ihnen das Eigentliche gefunden werden soll - selbst erteilte Antwort auf die drängende Frage nach der absoluten Ursprünglichkeit. Dem mitreißenden Pathoas und dem gärenden, brodelnden, lodernden Ungestüm dieser Blätter, deren äußere Maße allesamt bescheiden sind, ist damals kaum Gleichwertiges an die Seite zu setzen." (Wietek, Gerhard, Schmidt-Rottluff Graphik. München 1971. S. 28).

"So kam es, daß mir Schmidt-Rottluff eine Anzahl seiner frühen Steindrucke zur Ansicht schickte. Munch war gerade bei uns, als ich sie auspackte. Er schüttelte den Kopf und sagte: 'Gott soll uns schützen, wir gehen schweren Zeiten entgegen'. Am folgenden Morgen beichtete er, er schäme sich; er habe die ganze Nacht an die Sachen gedacht, es müsse doch wohl etwas daran sein. Ich hatte gleichfalls die Empfindung, daß in diesen, beim ersten Anblick als Gekritzel und Gewisch erscheinenden Blättern eine verhaltene Kraft steckte." (Schiefler, Gustav, Meine Graphiksammlung. Hamburg 1974. S. 53).

 

Die Kunstsammlungen in Chemnitz besitzen zwei Fassungen in Öl mit diesem Motiv aus dem Jahr 1906 „Gartenstrasse“ (Inv.-Nr. L 113) und „Gartenstraße frühmorgens“ (Inv.-Nr. L 108).


Frauen im Garten.

Kaltnadelradierung in schwarz auf festem Bütten, mit Bleistift signiert, datiert, betitelt und bezeichnet, 1915. 23 : 19 cm auf 43 : 34 cm.


Mit der Werknummer "158".

Verso am oberen Rand Montierungsspuren, sonst hervorragend erhalten.

Von allergrößter Seltenheit. Wir können nur zwei Exemplare im Auktionshandel der letzten Jahrzehnte nachweisen (eines in braun gedruckt, eines bezeichnet mit "I. Zustand"), soweit ein Exemplar im British Museum sowie eines in der Sammlung Schiefler (ebenfalls bezeichnet mit "I. Zustand).


Provenienz: Privatsammlung Süddeutschland.


In einem ziselierten Metall-Holzrahmen der Zeit.


Literatur: Gustav Schiefler, Meine Graphiksammlung. Hamburg 1974. Abb. 94 (ganzseitig); Gerhard Wietek, Schmidt-Rottluff Graphik. München 1971. S. 141, Abb. 99 (ganzseitig).


Wietek schreibt: "Bei den elf Radierungen, die während der ersten Monate des Jahres 1915 entstanden, als der Künstler in Berlin auf seine Einberufung zum Kriegsdienst wartete, handelt es sich sämtlich um Kaltnadelradierungen. In dieser Zeit der Unruhe und Ungewißheit mochte die BEschäftigung mit einem zeitlich leichter zu übersehenden und notfalls auch zu unterbrechenden Verfahren sinnvoll erscheinen, wobei allerdings auch Anregungen Gustav Schieflers seine Wiederaufnahme gefördert haben können. {...} Die in niedrigen Auflagen erschienenen >Kaltnadelblätter, in denen der Reiz der metallischen Platte, das scharf Umschriebene des Umrisses den Eindruck bestimmen< und >innere Vorstellung und Verwirklichung in und durch das Material< sich decken, wie Rosa Schapire sagt, gehörten und gehören noch immer zu den Raritäten und harren im Grunde nach wie vor der Entdeckung. (...) (Diese Radierung schalten die flächige Wirkung des Holzschnittes aus; eig. Anm) Das gilt selbst noch für die >Frauen im Garten<, die vom Thematischen her die stärkste Annäherung an die Holzschnitte des Vorjahres besitzen und in denen ebenso groß gesehene meditierende Frauen der Landschaft zu entsteigen scheinen."

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