Kunstkontor Dr. Doris Möllers

Kollwitz, Käthe (Königsberg 1867 - 1945 Moritzburg)

Die Pflüger

Strichätzung, Kaltnadel, Aquatinta und Vernis mou auf Kupferdruckpapier, mit Bleistift signiert, 1907. 31,4 x 45,5 cm auf 39,4 x 55,2 cm.
Knesebeck 99 IX b (von XIII).
Blatt 1 aus dem Zyklus "Bauernkrieg", aus der Auflage bei Richter in einer Höhe von 200 Drucken, unten rechts mit der gestochenen Jahreszahl 1921. Sehr gratiger, brillanter Druck mit schönem Plattenton. Als Sinnbild der Bauernausbeutung muß der Bauer mit seinem Sohn den Pflug anstelle eines Pferdes ziehen. "Als Vereinsgabe der Dresdner 'Verbindung für historische Kunst' konnte Käthe Kollwitz im Jahre 1908 ihren Zyklus Bauernkrieg an die Öffentlichkeit bringen. Sie war damals auf der Höhe ihrer Schaffenskraft. Souverän wußte sie alle Verfahren einzusetzen, die die Technik des Radierens dem Künstler bietet. Die Bildfolge - sieben Blätter umfassend - ist ein bewundernswerter, ein großer Wurf - dabei jedoch wie alles, was Käthe Kollwitz schuf, denkbar gewissenhaft erarbeitet. Das Resultat aber, so, wie sie es gewollt hat, steht uns kraftvoll, ohne eine Spur vorangegangener Mühen, vor Augen." (Guratzsch, Herwig, Hrsg., Käthe Kollwitz. Katalog der Ausstellung im Wilhelm-Busch-Museum, Hannover 1990. S. 13).

 

 

Frau mit totem Kind.

Strichätzung, Kaltnadel, Schmirgel sowie Vernis mou mit Durchdruck von geripptem Bütten und Zieglerschem Umdruckpapier in Braun auf Kupferdruckpapier, mit Bleistift signiert, auch vom Drucker Otto Felsing signiert, 1903. 42,4 : 48,4 cm auf 56 : 73 cm.
Knesebeck 81 VIII b (von X).

Bis auf kleine fachmännisch restaurierte Randmängel hervorragend erhaltener, sehr differenzierter und gratiger früher Abzug vor den Auflagen bei Richter.

Die große und bedeutende Radierung geht ein weiteres Mal aus einem Selbstbildnis der Künstlerin hervor. Sie schreibt rückblickend etwa 1924/25 in einem Brief an Arthur Bonus: "Ja, das ist der Peter [ihr Sohn], der dem Tod zu allernächste. Und wenn Sie sagen, er hat mich beschenkt, so ist das auch wahr [...] Als er sieben Jahre alt war und ich die Radierung machte, die Frau mit dem toten Kinde, zeichnete ich mich selbst ihn im Arm haltend im Spiegel. Das war sehr anstrengend, und ich mußte stöhnen. Da sagte sein Kinderstimmchen tröstend: Sei man still, Mutter, es wird auch sehr schön." (Beate Bonus-Jeep, Sechzig Jahre Freundschaft mit Käthe Kollwitz, Boppard 1948, S. 225). Wie häufig wird die Ähnlichkeit mit dem eigenen Konterfei in der graphischen Umsetzung wieder etwas zurück genommen. Das Blatt bildet den Höhepunkt und Abschluß einer Reihe 1903 entstandener Zeichnungen (Frau mit totem Kind, Nagel Timm 232; Frai mit totem Kind, Nagel/Timm 234a, Frau mit totem Kind, Nagel/TImm 234) und Graphiken zum Thema Mutter und totes Kind (Pieta, Knesebeck 77 und Mutter und toter Sohn, Knesebeck 78), die im Kontext zu der Mappe "Bauernkrieg" entstanden. Das vorliegende Werk geht dabei am radikalsten mit dem Thema um, indem die Verbildlichung des Schmerzens durch jedweden Verzicht auf Hintergrund und Kleidung ganz mittels der in sich geschlossenen Haltung von Mutter und Kind zum Ausdruck kommt.
Wohl inspiriert durch Michelangelos Pietá im römischen Petersdom entwickelt Kollwitz diese innovative Bildidee, wie schon eine zeitgenössische Autorin bemerkte. Während des Werkprozesses "aber wuchs die Teilnahme an dem geschilderten Jammer über das Nachfühlen eines kleinen Einzelschicksals hinaus. [...] Es war nicht mehr das unglückliche Weib, die [sic] mit dem einzigen Liebesbesitz ihres armen Lebens zugleich auch die betrogenen Hoffnungen ihrer Genossen begräbt, sondern es bedeutete nun die Verkörperung des Mutterschmerzes selbst, dessen Darstellung jede Erinnerung an eine wirkliche Begebenheit beeinträchtigen und verkleinern mußte. Die Frau mußte deshalb allein sein mit der Leiche." (Anna Plehn, Die neuen Radierungen von Käthe Kollwitz. In: Die Frau. Monatsschrift für das gesamte Frauenleben unserer Zeit, 11. 1903/1904. S. 234). Und weiter schreibt die Autorin: "Das ist Raserei, wie sich die noch lebenden Glieder um die erstarrten verknoten zu einer Umarmung [...] Neben diesem Aufhören jedes lebendigen Willens die unheimliche Energie, mit der Arme und Beine der verzweifelten Mutter an den Leib - wenn es anginge in ihn hinein - pressen wollen, was Fleisch und Blut von ihm selber ist. Hier hat ein weiblicher Künstler ausgedrückt, was eine männliche Phantasie nie geschaut hätte, was der Mann wahrscheinlich kaum nachfühlen wird und was nur eine Frau, die Mutter ist, und Momente des Zitterns um ein Kind selber in ganzer Gewalt durchlebte, vor sich sehen konnte in solcher Leibhaftigkeit."
Und so erfahren wir aus dem Tagebuch des Sohnes Hans Kollwitz vom 26.10.1919: "Ich fragte Mutter, woher sie schon Jahre vor dem Krieg das Erlebnis der Mutter mit dem toten Kind hatte, das fast alle damaligen Bilder beherrscht. Sie glaubt auch in diesen Jahren schon Peters Tod geahnt zu haben. Mit Weinen hätte sie an diesen Bildern gearbeitet." (Käthe Kollwitz, Briefe der Freundschaft und Begegnungen. Mit einem Anhang aus dem Tagebuch von Hans Kollwitz und Berichten über Käthe Kollwitz. München 1966, S. 134).
Ein weiteres zeitgenössisches Zeugnisse ist Beate Bonus-Jeep zu verdanken: "Die Radierung begegnete mir während unserer Dresdner Zeit unerwartet in der großen Ausstellung. Eine Mutter, tierhaft nackt, den lichtfarbenen Leib ihres toten Kindes, zwischen den Schenkeln und Armen, sucht mit den Augen, mit den Lippen, mit dem Atem das entwichene Leben wieder in sich zurückzuschlingen, das einstmals ihrem Schoße angehörte. [...] Es war die Leidenschaft selber, die Gewalt, die sonst verhalten im Muttertier schläft, die sich hier dem Auge preisgab, von Käthe Kollwitz gebannt als von jemand, dem der Griff unter letzte Hüllen freigegeben ist." (Beate Bonus-Jeep, Sechzig Jahre Freundschaft mit Käthe Kollwitz. Boppard 1948, S. 103).


Helft Russland

Lithographie auf Bütten, mit Bleistift signiert, 1921. 40 : 47,5 cm auf 48 : 64,6 cm. Knesebeck 170 III A (von III b).
Eins von 300 Exemplaren, herausgegeben vom Komitee "Künstlerhilfe der Internationalen Arbeiter-Hilfe".
Ausgesprochen kräftiger und kontrastreicher Abzug des endgültigen Zustandes nach Tilgung der Schrift und der lithographierten Signatur.
Sehr schöner, wohlerhaltener Abzug.

Maxim Gorki wandte sich im Juni 1921 mit einem dramatischen Aufruf an die Weltöffentlichkeit: in Russland drohte aufgrund einer Dürrekatastrophe bis zu 40 Millionen der Hungertod.

Am 23. August 1921 schrieb die Künstlerin an ihren Sohn Hans: "'Ich bin nun doch in der kommunistischen Russenhilfe gefangen. Wenn ich nur wirklich etwas helfen könnte, vielleicht mit einem Plakat. Ich würd es so gern tun. Am 3. und 4. September setzt die internationale Hilfsaktion über ganz Europa ein.' Am 12. September 1921 notiert die Künstlerin in ihrem Tagebuch zu diesem im Auftrag der >Internationalen Arbeiterhilfe< (IAH) geschaffenenen Plakat: 'Arbeite mit den Kommunisten mit gegen den fürchterlichen Hunger in Rußland. Bin dadurch wieder ins Politische hineingezogen ganz gegen meinen Willen. Hab ein Plakat gemacht, einen zusammenbrechenden Mann, dem sich helfende Hände entgegenstrecken. Es ist gut - Gott sein Dank!'. Die >IAH< war 1921 im Auftrag der russischen Regierung als Hilfsorganisation gegen die Hungerkatastrophe an der unteren Wolga gegründet worden, zu der es infolge anhaltender Dürre gekommen war. An der Spitze der von Willi Münzenberg geleiteten >IAH< stand ein internationales Zentralkomitee, das seinen Sitz in Berlin hatte. 1921 bis 1924 gehörte ihm Käthe Kollwitz neben anderen linken Intellektuellen aus aller Welt an wie z. B. George Grosz, Maximilian Harden, Ernst Holitscher, Ernst Toller, Martin Andersen-Nexö, Henri Barbusse, Maxim Gorki, Upton Sinclair und George Bernard Shaw. Als untergeordnete Abteilung der >IAH< bildete sich 1921 die sogenannte 'Künstlerhilfe' u. a. auf Initiave von Otto Nagel, einem kommunistischen Arbeitermaler und Graphiker, der später mehrere Ausstellungen von Käthe Kollwitz in Russland organisierte. Die 'Künstlerhilfe' unterstützte die Hilfsaktionen der >IAH< mit Plakaten, Postkarten, Vortragsabenden und Ausstellungen. 1921 gab sie zugunsten der Hungernden in Rußland außer dem Blatt von Käthe Kollwitz u. a. auch George Grosz' Arbeit 'Hunger' heruas. [...] Als isch 1923 die Versorgungslage der deutschen Bevölkerung zuspitzte,s tellte die >IAH< ihre Hilfe um und leitete eine Aktion zugunsten der Hungernden in Deutschland ein, für die Käthe Kollwitz das Plakat 'Deutschlands Kindern hungern!' schuf. Später unterstützte die >IAH< u. a. Streikende und unterhielt Kinderheime." (Von dem Knesebeck, Andrea, Käthe Kollwitz. Werkverzeichnis der Graphik. Band 2. Bern 2002. S. 504).


Gefallen.

Lithographie auf Velin, im Stein signiert, 1920. 41 : 38,5 cm auf 53 : 44,5 cm. Knesebeck 150 III (von III). Aus einer nicht bezifferbaren Auflage bei Richter. Stein zerstört.
Mit kleineren Braunfleckchen.
Ursprünglich geplant für die Mappe "Krieg", die von der Künsterlin dann in Holz ausgeführt wurde.

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