Kunstkontor Dr. Doris Möllers

Haensgen-Dingkuhn, Elsa (Flensburg 1898 - 1991 Hamburg)

Hof.

Öl über Kohle auf Pappe, mit Pinsel monogrammiert, 1920. 58 : 47 cm. Die Malpappe offensichtlich schon vor dem Bemalen an einigen Stellen leicht beschädigt und von der Künstlerin übermalt.

Provenienz: Norddeutsche Privatsammlung, aus dem Nachlaß der Künstlerin erworben.

Verso mit Aufkleber der "Juryfreien Ausstellung von Werken Hamburgischer Künstler in der Kunsthalle vom 1. bis 31. Oktober 1925", handschriftlich ausgefüllt, mit Anschrift "Marienthalstr. 166", dazu von der Künstlerin auf der Rückwand in Tinte signiert (Elsa Haensgen-Dingkuhn) sowie mit der durchgestrichenen Straßenbezeichnung "Finkenau 24" und dem durchgestrichenen Titel "Musik", stattdessen mit Kugelschreiber (also nach dem Krieg) mit "Hof" "1920" bezeichnet und datiert. 

Durch das vorderseitige Monogramm "E.H.D." muß man ein Entstehungsdatum ab 1922 vermuten, falls dieses nicht nachträglich aufgebracht wurde. Es gibt einen Holzschnitt "Blinder Ziehharmonikaspieler" von 1924, auf dem ein Mann mit geschlossenen Augen vor einer Hauswand sitzt und spielt, neben ihm ein bettelndes Kind. "Kaum eines der Werke von Elsa Haensgen-Dingkuhn ist eindeutig zu datieren. Datierungen finden sich nur auf den Rüclkseiten, selten von der Künstlerin selbst, meist von der Hand ihres Sohnes Jochen Dingkuhn, der die späten Ausstellungen und den Nachlass betreut hat." (Axel Feuß, Elsa Haensgen-Dingkuhn. Zwischen Avantgarde und Familie. In: Elsa Haensgen-Dingkuhn (1898-1991) Malerin der Neuen Sachlichkeit.  Katalog der Ausstellung im Museumsberg Flensburg 2017. S. 17).

In diesem Bild tritt ihre Malweise deutlich zu Tage: ohne Grundierung und Untermalung trägt sie die auf der Palette gemischten Farben sehr lasierend direkt auf den Bildträger auf. 

Auf diesen sehr frühen Bildern sehen wir Kindern mit aufgerissenen Augen, mit vom Hunger und Elend der Zeit geprägten Körpern, deren betrübliches Dasein durch die erdigen Töne noch stärker betont wird. Erst ein paar Jahre später wird sich ihre Palette zugunsten heiterer Farben aufhellen. 


Auf der Straße

 Öl auf Pappe, mit Pinsel monogrammiert, verso signiert, datiert und nachträglich betitelt, 1925. 69 : 47,5 cm. Die Malpappe offensichtlich schon vor dem Bemalen an einigen Stellen leicht beschädigt und von der Künstlerin übermalt.

Provenienz: Norddeutsche Privatsammlung, aus dem Nachlaß der Künstlerin erworben.

 

Die Künstlerin stammt aus einer wohlhabenden Flensburger Familie und studiert nach dem Abitur von 1917 bis 1919 an der Kunstgewerblichen Fachschule in Flensburg, um im Anschluß die Staatliche Kunstgewerbeschule in Hamburg (heute Hochschule für bildende Künste) zu besuchen. Hier entscheidet sie sich für die erstmals auch Frauen zugängliche Malereiklasse von Julius Wohlers und Arthur Illies sowie die Bildhauerklasse von Johann Michael Bossard. Obgleich diese Lehrer eher konservative Ansätze vertreten, erhalten die Schüler durch die obligatorischen kunstgeschichtlichen Vorlesungen von Wihelm Niemeyer auch expressionistische Impulse. Außerhalb des Unterrichts geht die Künstlerin durch die Straßen und hält gesehene Szenerien, häufig vielfigurige Bilder, meist mit Kindern, fest. Dabei ist sie in der Wahl des Sujets, des Bildausschnittes, der Perspektive und der Farbpalette ganz von den Zeitgenossen wie Beckmann und Dix beeinflußt. So blicken auch bei Dix die Gesichter den Betrachter frontal an. Ihr Thema ist das Dasein der einfachen Leute in den Arbeitervierteln in Barmbek oder Altona, wodurch sie in der hamburgischen Kunst nahezu eine Vorreiterrolle einnimmt! Nach Beendigung des Studiums heiratet sie 1922 den aus Ostpreussen stammenden Studienfreund Fritz A. Dingkuhn (1894-1979). Ab dieser Zeit signiert sie mit den Initialen E.H.D. Das Paar wohnt zunächst in Hamburg-Uhlenhorst, ab 1926 in Hamburg-Hamm. Die Künstlerin unterrichtet jetzt an der privaten Höheren Mädchenschule von Dr. Jacob Loewenberg und ist freischaffend tätig. 1926 wird der Sohn Jochen, 1932 die Tochter Wiebke geboren. 

Neben der Schilderung einer Straßenszene in einem Arme-Leute-Viertel stellt das Bild aber auch die drei Lebensalter dar, die im kunstgeschichtlichen Kanon fest verankert sind. Immer wieder findet man im Werk der Künstlerin Alte und Kinder als Symbole für Anfang und Ende des Lebens. Die Fachpresse schrieb 1930 von "Endgültigkeiten des Menschlichen". Ihre große Bewunderung galt Paula Modersohn-Becker, auf deren Werk sie in ihrer Studienzeit stieß. 

Die Straße als Lebensweg ist ebenso eines ihrer zentralen Motive.  Der Betrachter blickt auf die in starker perspektivischer Verkürzung wiedergegebenen Personen, die, von einem Zaun begrenzt, im vorderen Bereich am Bildrand abgeschnitten, ihn größtenteils anstarren, im Hintergrund sich abgewandt aus dem Blickwinkel entfernen. Auch wenn das hinterste Grüppchen Luftballons zu tragen scheint, will sich keine heitere Gelassenheit einstellen.

"Elsa Haensgen-Dingkuhn wird heute zu Recht als wichtige Exponentin einer neuen, urban geprägten Künstlerinnengeneration des frühen 20. Jahrhunderts wahrgenommen." (Burcu Dogramaci, Elsa Haensgen-Dingkuhn - Genremalerin der zwanziger Jahre. In: Künstlerinnen der Avantgarde in Hamburg zwischen 1890 und 1933. Katalog der Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle 2006. Band 2. S. 43)

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