Kunstkontor Dr. Doris Möllers

Paczka-Wagner, Cornelia (Göttingen 1864 - 1931/32 Berlin)

Ohne Titel (Hockender weiblicher Akt, nach hinten gestreckt).

Radierung mit Roulette auf kräftigem Bütten, mit Bleistift signiert und bezeichnet „Plattenprobe 2“, in der Platte monogrammiert und mit Bleistift beziffert „5“, um 1925. 10 : 19,5 cm auf 31 : 43 cm. Provenienz: Privatsammlung Hamburg. Ehemalige Bleistiftnotate am unteren Rand radiert, wohlerhaltener, äußerst breitrandiger Abzug. Wir können kein weiteres Exemplar nachweisen.

Die Künstlerin war Tochter des Nationalökonomen Adolph Wagner und erhielt ihre erste Ausbildung an der „Damenakademie“ des Vereins Berliner Künstlerinnen bei Karl Stauffer-Bern, wo sie u. a. Käthe Kollwitz kennenlernte. Nach Studium in München und Paris ging sie 1888 nach Rom. Zwei Jahre später heiratete sie den ungarischen Künstler Franz Paczka (1856 - 1925). Um diese Zeit lernte sie Max Klinger kennen, mit dem sie eine enge Freundschaft verband. Im April 1894 reiste das Ehepaar Paczka nach Madrid, um im Prado die alten Meister zu studieren.  Ab 1895 wohnten die Beiden in der Lützowstr. 60a in Berlin-Tiergarten. Die Künstlerin war von 1896 bis 1930 Mitglied des Vereins Berliner Künstlerinnen und beteiligte sich an sehr zahlreichen Ausstellungen, wodurch sie in der zeitgenössischen Berichterstattung höchste Anerkennung erfuhr. Eine letzte Erwähnung findet sich in Band 150 von Westermanns Monatsheften 1931, in diesem Jahr wird sie auch noch im Berliner Adressbuch geführt, 1932 nicht mehr.

Der Direktor des Dresdner Kupferstichkabinetts Max Lehrs (1855-1938) schrieb in der Zeitschrift „Pan“ 1896 über die Künstlerin: „Nach ihrer eigenen Aussage wuchs sie in gänzlich unkünstlerischer Umgebung auf, wenn sie auch von ihrem Vater, dem bekannten Nationalökonomen Prof. Adolf Wagner, das leicht erregbare Gehirn erbte. Die Mutter, selbst eine tüchtige Zeichnerin, starb schon in der frühesten Kindheit der Künstlerin. Cornelia Wagner wuchs in Berlin auf und wurde, da sich ihr Schaffenstrieb nicht unterdrücken liess, in einem der üblichen Damen-Ateliers - damals war das Stauffer‘sche in Mode - untergebracht. In der Staufferschen Portraitklasse des Künstlerinnen-Vereins ward jeder in freier, natürlicher, persönlicher Anschauung geleitet und auf die eigenen Augen angewiesen, als auf den einzigen Weg sich selbst weiterzuhelfen, dafern er überhaupt mit Augen und Hand begnadet war. Der starke, instinktive Drang Cornelias nach dem eigenen Wege fand dadurch willkommene Unterstützung, und schon mit 23 Jahren befreite sich die Künstlerin vom Zwang der heimischen Verhältnisse und ging nach Rom... Alles Gefällige, Süssliche, im gewöhnlichen Sinne >Weibliche< ist ihr ein Greuel, und ich glaube nicht, dass es eine zweite Künstlerin giebt, oder vor ihr gegeben hat, die sich so weit von den Fesseln ihres Geschlechts zu befreien verstanden hätte.“ (Lehrs, Max, Cornelia Paczka. In: Pan Heft I und II 1896, S. 55).

In einem Artikel von Georg Gronau in der Zeitschrift „Die Graphischen Künste“ von 1898 wird die Künstlerin selbst zitiert: >Was mich künstlerisch reizt, ist, subjective Seelenzustände bildlich, objectiv darzustellen, und zwar in einer logischen Aufeinanderfolge; so zu sagen vom Keim bis zur geistigen Reife, das heisst bis zur Überwindung der Seelenzustände durch das Denken und Schaffen, bis zur Abklärung<. (Gronau, Georg, Cornelia Paczka. In: Die Graphischen Künste. Band 21, Wien 1898, S. 106).

Käthe Kollwitz schreibt in einem Brief vom 20. Mai 1911 an ihren Sohn Hans: „Vor ein paar Tagen war ich bei der Paczka-Wagner in ihrem Atelier. Nach einem sehr guten Aufschwung, den sie als ganz junge Frau genommen hatte, schien sie mir immer mehr zurückzukommen. In den letzten Jahren sah ich gar nichts mehr von ihr. Zur Zeit arbeitet sie an einem großen Brunnen mit einer Masse plastischer Figuren in höchstens halber Lebensgröße. Es zeigt sich, daß sie in diesen Figuren alles gewissermaßen wiederholt, was sie früher gemalt und radiert hat, immer dieselben Themata, die aus ihrer Bekanntschaft mit Stauffer-Bern entspringen. Als sie ein junges Mädchen war, wurde sie in die unglückliche Stauffer-Geschichte, wie sie sich damals in Rom und Florenz abspielte, mit hinein verwickelt, sie stand Stauffer sehr nahe und sein Ende machte einen furchtbaren Eindruck auf sie. Dies damalige Erlebnis, das sie aus einer höheren Tochter in eine Frau umwandelte, die selbstständig liebt und lebt und schafft, ist nun  >das< Erlebnis ihres ganzen Lebens geworden. Mit Erstaunen seh ich, dass nichts Neues in ihre Kunst hineingekommen ist. Die 20 Jahre, die dazwischenliegen - in denen sie auch ihren jetzigen Mann geheiratet hat - sind nur dazu gut, um wiederzukauen und künstlerisch wiederzugestalten, was sie damals von Grund aus umwandelte. So hat sie jetzt auch in dramatischer Form ihre Bekanntschaft mit Stauffer hier in Berlin, seinen Einfluß auf sie in Italien, ihre Liebesbeziehung zu ihm, sein Ende - das alles noch einmal aufgeschrieben und gab es mir zu lesen. Oft glaub ich ist es mit Frauen so, daß sie mit einem Erlebnis sich erschöpfen, hier wieder ganz sonnenklar.“ (Käthe Kollwitz, Die Tagebücher 1908-1943. Hrsg. von Jutta Bohnke-Kollwitz. Neuausgabe München 2012, S. 801 f.)

Karl Stauffer-Bern (1857-1891) verliebte sich in Rom in seine Mäzenatin Lydia Welti-Escher (1858-1891), die bei Bekanntwerden der Liaison auf Betreiben ihres Ehemannes Friedrich Emil Welti in die Psychiatrie eingewiesen wurde, während Stauffer-Bern verhaftet wurde. Nach vier Monaten wurde Lydia Welti-Escher als „voll zurechnungsfähig“ entlassen und ließ sich von ihrem Mann auf dessen Wunsch scheiden. Nachdem sie als eine der reichsten Schweizer Frauen ihrer Zeit ihrem Lebenswunsch folgend eine Kunststiftung errichtet hatte, nahm sie sich im Dezember 1891 das Leben. Stauffer-Bern war bereits im Januar des Jahres aufgrund der zerbrochenen Liebesbeziehung aus dem Leben geschieden.

1916 notiert Kollwitz in ihr Tagebuch: „8. Februar 1916 Gearbeitet und zu Paczka-Wagner gegangen. Sie zeigt mir die Zeichnungen, die sie in die Secession schicken will. Sie sind ganz außerordentlich gut vom rein exakt zeichnerischen Standpunkt. (...) Sie und ihr Mann leben wie im Gehäuse mit nur ganz geringer Berührung der Außenwelt. Sie sucht durch Ausstellen in der Secession jetzt Anschluß an Öffentlichkeit.“ (Käthe Kollwitz, Die Tagebücher 1908-1943. Hrsg. von Jutta Bohnke-Kollwitz. Neuausgabe München 2012, S. 221)

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