Kunstkontor Dr. Doris Möllers

Schlichter, Rudolf (Calw 1890 -1955 München)

An der Waldgrenze

Aquarell auf Bütten, mit Bleistift signiert, rückseitig betitelt, um 1937. 61,5 : 49 cm. Von farbfrischer Erhaltung.
Provenienz: Privatsammlung Schleswig-Holstein.
„Unter dem Eindruck der sich überstürzenden politischen Ereignisse und der immer schwieriger werdenden Lebenssituation in Berlin fand Schlichter Kraft und Rückhalt im Karst des Schwäbischen Jura. Er entdeckte die Landschaft seiner Jugend neu als ein Symbol der Geborgenheit und Stabilität, das die politischen Verirrungen überdauern würde. [...] In der Erinnerung an einen Ausflug nach Straßburg artikulierte sich die Heimatliebe in einer für Schlichter ungewöhnlich pathetischen Form: >Oft verachtet und in törichter Scham verschwiegen, mit Gewalt aus meinem Denken und Gefühlsleben in die tieferen Schächte des Unbewußten verdrängt, brach doch immer wieder in Augenblicken sehnsuchtsvoller Verlassenheit die heiße Liebe zu den düster-heimlichen Hängen des Schwarzwaldes hervor, deren wundersame Formen mir in früher Kindheit das Bild der Welt ins empfängliche Herz geprägt hatten.<“Adriani, Götz, Rudolf Schlichter. Katalog der Ausstellung in der Kunsthalle Tübingen 1997-1998. S. 51

Die Messingstadt. (1001 Nacht), Emir Musa

Federzeichnung auf Bütten, mit Bleistift signiert, datiert und betitelt, 1941. 43,5 : 60 cm auf 52,5 : 71,2 cm.
Stellenweise kleine Montierungsfleckchen, sonst gut erhalten.
Provenienz: Privatsammlung Schleswig-Holstein.
Ausstellungen: Rudolf Schlichter. Austellung in der Kunsthalle Tübingen, dem Von der Heydt-Museum Wuppertal und der Städtischen Galerie im Lenbachhaus München 1997-1998. Katalognr. 166, S. 283 mit Abbildung
Literatur_ Schlichter, Rudolf, Tausendundeine Nacht. Federzeichnungen aus den Jahren 1940-1945. Berlin 1993. S. 105 und 110 mit Abbildung.
"Am 23.11.1949 schrieb [Ernst] Jünger an Schlichter: >Ich ziehe diejenigen ihrer Schöpfungen vor, die man wie Ihre Gebirgstäler oder wie 'Atlantis vor dem Untergange' immer um sich haben kann. Immer hatte ich gehofft, als Pendant zu dieser Zeichnung [...] auch einmal in gleicher Größe einen 'Emir Musa in der Messingstadt' zu besitzen, denn dieser Musa ist neben Peri Banu eine der Gestalten aus Tausendundeine Nacht, von denen ich schon früh und mit besonderer Gewalt berührt wurde.< Nachdem Schlichter am 26.5.1950 Jünger zu verstehen gegeben hatte, daß er sich von den Blättern zu 'Tausendundeine Nacht' noch nicht trennen wolle, da er >noch mit der Möglichkeit einer Veröffentlichung als Buch oder in Mappenform rechne<, verlieh Jünger seinem Wunsch am 11.6.1950 noch einmal Nachdruck: >Von dem Blatt über meinen Liebling Emir Musa wollen sie sich also vorläufig noch nicht trennen. [...] Im Falle einer Veräußerung denken Sie bitte zunächst an mich. [...]<  Adriani, Götz, Hrsg., Rudolf Schlichter. Katalog in der Kunsthalle Tübingen, dem Von der Heydt-Museum Wuppertal und der Städtischen Galerie im Lenbachhaus München 1997-1998. S.250
">Sie müßten 1001 Nacht überhaupt durchgehend illustrieren. Sie würden das besser machen als selbst Doré<, schreibt Ernst Jünger am 29. Dezember 1942 an Rudolf Schlichter, nachdem er dessen Zeichnungen - es sind ihrer fünzig zu sechs ausgewählten Episoden - kennengelernt hatte. Und fährt fort: >Besonders packte mich das Bild der Messingstadt. Dieses Märchen hat selbst innerhalb des bedeutenden Rahmens seine besondere Tiefe, seinen Rang. Schon als Kind hörte ich meinem Vater oft von der Messingstadt und dem hohen Emir Musa sprechen; ich glaube aber, daß ich erst bei den letzten Lektüren wirklich zum Kern des Märchens vorgedrungen bin. Ich finde darin eine Grundfigur, die auch uns Abendländer in Bann hält: die Konfrontierung von Lebenspracht und Tod, die uns zugleich mit Schmerz und Lust erfüllt. In diesem Genusse liegt auch eines der Elemente unserer Wissenschaft, insbesondere der Archäologie, aber Musa genießt ihn reiner, kontemplativ.< [...] Schlichter erlebt die Schlußphase des Tausendjährigen Reichs als beschleunigte Endzeit. Die Erzählungen aus 1001 Nacht sind ihm Spiegel dieser politischen Auflösung. Im orientalischen Despotismus enthüllt sich ihm die Hypris der aktuellen Machthaber. Vor allem die Geschichte von der Messingstadt symbolisiert für Schlichter den Untergang des Abendlandes als Erstarrung seiner Kultur. Sie beschäftigt ihn 1941/42 ub München, wie etwa gleichzeitig auch Ernst Jünger und Max Beckmann, und löst nicht weniger als fünfzehn Zeichnungen aus. Die Kämpfe und Wüsteneien, die Zwingburgen, verödeten Städte, die mumifizierten Toten - all das kann auf dem Hintergrund zeitgenössischer Luftangriffe und Kesselschlachten auch als Memento mori oder Epitaph auf eine Zivilisation gelesen werden.
>Dieses geheimnisvolle Märchen handelt von der Vergänglichkeit aller Macht, von der Hinfälligkeit menschlicher Größe, von der Eitelkeit menschlichen Strebens und von der furchtbaren Majestät des Todes<, hatte Rudolf Schlichter die Erzählung charakterisiert. Darin erfährt Emir Musa von einem wilden schwarzen Volk, das im Besitz seltsamer Flaschen sein soll, in welchen rebellische Geister eingesperrt sind. Man bricht mit einer Karawane auf und erreciht nach langer Irrfahrt und Begegnungen unheimlicher Art einen Hügel. >Und als sie danndort oben standen, erblickten sie eine Stadt, so groß und herrlich, wie sie noch nie ein Auge gesehen hatte: hohe Paläste winkten, und glänzende Kuppeln blinkten; die Häuser dort hätte man voller Menschen gedacht, und die Gärten standen in voller Pracht; die Bächlein sprangen, und die Bäume waren mit Früchten behangen. Sie war eine Stadt mit festen Toren, aber sie lag öde und verlassen da; kein Laut erscholl in ihr, kein menschliches Wesen gab es dort.< Es gelingt, durch magische Koranformeln die Sadttore zu öffnen. Überall finden die Reisenden Reichtum und unerhörte Pracht, doch kein Leben. Alle Einwohner sind tot. Als eingetrocknete Mumien sitzen sie auf der Straße, in Basaren und Moscheen, wie sie vom Tod überrascht wurden. >Sie waren eine Warnung für die, so sich warnen lassen< heißt es im Text, dem Schlichter eng gegolft ist."  Adriani, Götz, Hrsg., Rudolf Schlichter. Katalog in der Kunsthalle Tübingen, dem Von der Heydt-Museum Wuppertal und der Städtischen Galerie im Lenbachhaus München 1997-1998. S. 283





© 2017 Kunstkontor - Alle Rechte vorbehalten.