Kunstkontor Dr. Doris Möllers

Schlichter, Rudolf (Calw 1890 -1955 München)

Unterhaltung

Bleistiftzeichnung auf festem Bütten, mit Bleistift signiert und betitelt, um 1920. 50 : 63 cm.
Papierbedingt leicht wellig, sonst sehr schön erhalten.
Provenienz: Kunsthandel Fischer, Berlin; Privatsammlung Schleswig-Holstein.

"Berlin: Keine andere deutsche Stadt nach dem Ersten Weltkrieg ist mit dem Mythos des Verruchten und der Zwielichtigkeit, mit der Bezeichnung 'Sündenbabel'so eng verbunden wie die Hauptstadt der Weimarer Republik. Das Korsett der Kaiserzeit war gesprengt, der Kriegswahn, wenn auch nicht dessen verheerende Folgen, überstanden. [...] Eine ekstatische Genusssucht erfasste die Gesellschaft inmitten politischer Machtkämpfe, zwischen wirtschaftlichem Aufschwung und Niedergang. Alles schien möglich, alles schien erlaubt. Und das, was nicht erlaubt war, fand im Halbdunklen oder Dunklen statt. Die sexuelle Lust und die sexuellen Laster wurden freizügig wie nie, auch außerhalb der Eke und in gleichgeschlechtlichen Verbindungen, gelebt. Einher ging diese Entwicklung mit sich bedrohlich ausbreitenden Geschlechtskrankheiten, der Syphilis, des Trippers und des Schankers. [...] Die Unterhaltung von Bordellen oder bordellartiger Betriebe wurde verboten, dafür die Beschränkung auf bestimmte Straßen oder Häuserblocks zur Ausübung der 'gewerbsmäßigen Unzucht' aufgehoben. [...] Berlin wusste sich in den Zwanziger Jahren im Geschäft der Erotik und käuflichen Liebe hervorragend zu vermarkten. Zwar galt weiterhin Paris als die Stadt der Liebe, aber Berlin wartete mit Lastern auf, die in Paris und London nicht geboten wurden. Der Laufsteg ihrer erogenen Zonen, auf dem Frauen wie Männer ihre Körper darboten, verlief von Nord über Ost nach West, von der Elendsprostitution zur Edelprostitution. Das Liebesgeschäft war angesichts weit verbreiteter Arbeitslosigkeit für viele Mädchen und Frauen von existenzieller Bedeutung. [...] Zahllose in der Stadt und an der Peripherie existierende oder sich neu ansiedelnde Lokalitäten, die wie die Spielcasinos regelrecht aus dem Boden sprossen, profitierten hiervon. [...] Sie [die Prostituierten] tranken, racuhten, konsumierten Rauschgift und trugen alles oder nichts im Vergleich zur eigentlichen 'Dame', die wußte, wieviel Rouge sie auflegen oder wie viel Haut sie bei welcher Gelegenheit zeigen konnte. [...] Die einfache Hure trug eher Pumps mit hohem Schaft, Knöpf- und Schnürstiefel in knalligen Farben. [...] Blieben Künstler wie Hans Baluschek ihrer Sichtweise auf das Thema in den Zwanziger Jahren treu, interpretierten andere, so Michel Fingesten, George Grosz, Christian Schad und Rudolf Schlichter, das erotische Berlin ebenso freizügig wie die Stadt sich selbst freizügig zeigte. Es gibt wohl keine sexuelle Pose, egal ob nackt oder frivol bekleidet, ob kopulierend oder masturbierend, ob in der Gruppe oder allein, saditisch oder masochistisch, die nicht künstlerisch umgesetzt wurde. Es zeigt sich geradezu eine Lust am Grausigen. Künstler hatten weder Scheu vor der Darstellung des kriegsversehrten Freiers noch vor Dirnenmordleichen oder Lustmörderphantasien." (Ebert, Marlies, Die Nacht ist nicht allein zum schlafen da. In: Mothes, Christian und Dominik Bartmann, Tanz auf dem Vulkan. Das Berlin der Zwanziger Jahre im Spiegel der Künste. Katalog der Ausstellung im Ephraim-Palais/Stadtmuseum Berlin 2015/2016. S. 152 ff).


Spaziergänger

Lithographie auf festem Bütten, mit Bleistift signiert und nummeriert, 1920. 21 : 28 cm auf 40,7 : 30,7cm.   Blatt 10 der 4. Mappe des II. Jahrgangs der "Schaffenden", mit dem Trockenstempel des Euphorionverlages. Eins von 25 römisch nummerierten Exemplaren (Gesamtauflage 125). Söhn HDO 72708-10. Im ehemaligen Passepartout-Ausschnitt etwas lichtrandig.
Provenienz: Privatsammlung Schleswig-Holstein.


Liebesunterhaltung (auch: Der Verführer)

Tuschpinsel-Lithographie auf Bütten, mit Bleistift signiert, 1923. 34 : 26 cm auf 40,5 :  30,7 cm.  Blatt 8 der 4. Mappe des IV. Jahrgangs der "Schaffenden", mit dem Trockenstempel des Euphorionverlages. Eins von 100 Exemplaren (Gesamtauflage 125). Söhn HDO 72716-8. An den Rändern etwas knittrig, ein kleiner Einriss, verso Montierunsgreste.
Provenienz: Privatsammlung Schleswig-Holstein.

"Schon in seiner Studienzeit in Karlsruhe produzierte Schlichter erotisch-pornografische Grafik, die sich gut verkaufen ließ. Diese frühen Arbeiten signierte er mit dem Pseudonym 'Udor Réthyl'. Für die interessierte Kundschaft entstanden noch Mitte der 1920er Jahre die 'Liebesvariationen'. Bordellszenen sind bei Schlichter oft Persiflagen, in denen das Mysterium des bürgerlichen Nachtlebens eine lächerliche Note erfährt wie beispielsweise in dem Blatt 'Der Verführer'. Männer sind in diesen Zeichnungen oft nur Staffage. Nicht selten wirken sie dümmlich. Die Damen der Halbwelt erscheinen abweisend, manchmal sogar völlig teilnahmslos und puppenhaft." (Greschat, Isabel, Hrsg., Rudolf Schlichter. Großstadt - Porträt - Obsession. Katalog der Ausstellung der Pforzheim Galerie 2008/2009. Nr. 27)


Raufende Frauen (auch: Liebende)

Kreide-Lithographie auf Bütten, mit Bleistift signiert, 1922. 21 : 32 cm auf 30,5  :  41 cm.  Blatt 10 der 3. Mappe des III. Jahrgangs der "Schaffenden", mit dem Trockenstempel des Euphorionverlages. Eins von 100 Exemplaren (Gesamtauflage 125). Söhn HDO 72711-10. Verso Montierunsgreste; im ehemaligen Passepartout-Ausschnitt leicht gebräunt.
Provenienz: Privatsammlung Schleswig-Holstein.

"Schlichter Interesse an sexuellen Außenseitern verbindet sich mit seinem gesellschaftskritischen Blickwinkel. Darüber hinaus werden die Darstellungen aus jenem Bereich durch seine Gewaltfantasien bestimmt. Zu seinen Vorlieben gehörten auch Strangulationen und das Motiv des Erdrosselns wie auf dem Blatt 'Liebende' - einem anscheinend erotischen Gerangel zwischen zwei Frauen. Es erschien in der Grafikmappe 'Schaffende' 1924 [sic] in hoher Auflage und gehört zu einer ganzen Reihe von Bildern Schlichters, die lesbische Erotik zeigen. Ein Ölgemälde zu diesem Thema ist heute verschollen." (Greschat, Isabel, Hrsg., Rudolf Schlichter. Großstadt - Porträt - Obsession. Katalog der Ausstellung der Pforzheim Galerie 2008/2009. Nr. 26)

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