Kunstkontor Dr. Doris Möllers

Sterl, Robert (Großdobritz 1867 - 1932 Naundorf)

Astrachan (Verso Studie eines Persers? mit Farbnotizen).

recto
verso

Bleistift auf Bütten, mit Bleistift monogrammiert, betitelt und datiert, 12.5.1912. 26 : 31,5 cm (Blattformat). Einheitlich leicht gebräunt, verso Montierungsstreifen.

„In Astrachan wollen wir uns diesmal viel mehr ansehen, was ja auch schon deshalb geht, weil wir dort zwei Tage bleiben. Kirgisen, Kalmücken, Kaspisches Meer - auf die Inseln usw. Ich möchte nur sehr gerne etwas vom Hafen malen, von derselben Stelle, von der aus ich 1910 das Aquarell machte, das ich Kussewitzky geschenkt habe.“ (Sterl an seine Frau am 12.5.1912)

Ohne Titel (Schiffszieher am Treidel).


Schiffszieher an der Wolga. Öl auf Leinwand 1912. Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Galerie Neuer Meister. Popova 916
Schiffszieher. Lithographie 1910

Bleistift auf dünnem Papier, mit Bleistift monogrammiert, datiert und mit „N. N.“ bezeichnet (für Nishnij Nowogorod), 25.5.1912. 12,5 : 21,2 cm auf 17,4 : 21,3 cm. Leicht gebräunt.

 

„Künstlerisch kulminierte sein Russlanderlebnis im dem Werk >Schiffszieher an der Wolga< [...] Das Schiffsziehermotiv hatte er schon 1905 in den sächischen Bomätschern berührt und die russischen Burlaki [Treidler] waren ihm bereits während seiner ersten Konzertreise 1908 aufgefallen.“ (Zimmermann, Horst, Robert Sterl. Leben und Werk in Briefen und Selbstzeugnissen. Dresden 2011. S. 117).


Ohne Titel. (Zuhörer recto; verso Studien).

recto
verso

Bleistift auf festem, angerauhtem Papier, recto mit Bleistift monogrammiert, datiert und mit „N.N.“ (für Nishnij Nowogorod) bezeichnet, 18.5.1912. 12,7 : 17,4 cm. Verso Montierungsstreifen.

Am 18.5.1912 endete die Konzertreise in Nishnij Nowogorod.


Strauß Reger Berlioz.

Weiße Pastellkreide über Bleistift auf grünlichem Papier, mit Bleistift betitelt und datiert, 9. I. 1914. 17,2 : 7 cm auf 19 : 14,4 cm. Verso Montierungsstreifen.

Zu sehen ist das Porträt Ernst von Schuchs, den Sterl auf seinen späten Skizzen - den nahenden Tod des Freundes (10. Mai 1914) antizipierend - immer wieder mit morbiden Zügen darstellt. „Es scheint, daß die Anfang 1914 nachweisbare außerordentliche Fülle der Konzertbesuche und sein engagiertes gesellschaftliches Wirken zu einer größeren Verinnerlichung des musikalischen Erlebens beitrugen und seine künstlerische Intensität förderten. Das ,Bildnis des Generalmusikdirektors Ernst Edler von Schuch‘ der Dresdner Gemäldegalerie Neue Meister entstand in dieser Sphäre höchster Anspannung. Die Idee zu diesem Bild ist aber bereits im Zusammenhang mit den Studien zum ,Rosenkavalier‘ in einer Zeichnung von 1912 festgelegt worden. Noch präziser formulierte Sterl seine Vorstellung in einer Arbeitsstudie des Kopfes, deren Entstehungsdatum mit dem 9.1.1914 angegeben ist. In dieser weißgehöhten Zeichnung scheinen die bildnishaften Gesichtszüge unter dem weich streuenden Licht ihre Prägnanz zu verlieren und der Bildnischarakter zu Gunsten einer hohen Verallgemeinerung zurückgenommen. In dem anspruchsvollen Gemälde, das noch im Januar 1914 entstanden sein muß, wird dieser Eindruck noch verstärkt, verschimmern im weich fließenden Licht die Konturen und verlieren sich die Gesichtszüge des Dirigenten im weichen Schatten der Orchesterbeleuchtung.“ (Zimmermann, Horst, Das musikalische Thema bei Robert Sterl. In: Katalog der Ausstellung „Robert Sterl und die Musik“. Kulturforum Lüneburg 1994. S. 18 f.).

„Nach den Eintragungen in seinem >Kalender für 1914 - Gut für die Tasche< besuchte Sterl allein im Januar 16 Konzerte, Liedertafel- und Tonkünstlerkonzerte sowie Opernaufführungen. Er skizzierte schon vormittags während der Proben im Theater. Er notierte auf dem Kalenderblatt vom 1. Januar 1914: >Am 2. Frau Siegel aus St. Petersburg war hier [...] 9. Akademie, Generalprobe, Gesellschaft bei Frau Wolf, Sinfoniekonzert, Strauß, Reger, Berlioz. 11. Ins Atelier. Mit Schuch fertig geworden (Konzert). Um 5 Uhr zu Emo, Tee mit Familie.< Mit dem erwähnten Bild ist dasjenige der Dresdner Gemäldegalerie gemeint. Das in Sterls Aufzählung in Klammern gesetzte Wort >Konzert< unterstreicht, dass Schuch als eine in Malerei umgesetzte vergeistigte Arbeit des Dirigenten verstanden werden muss, als ein Bildnis, in dessen Antlitz sich der Genius des sein Orchester mitreißenden Dirigenten in emotionaler Eindringleichkeit offenbart. „  (Zimmermann, Horst, Robert Sterl. Leben und Werk in Briefen und Selbstzeugnissen. Dresden 2011. S. 144).


Kalmücken (Rest unleserlich).


Kalmückenboot auf der Wolga. Öl auf Leinwand 1920. Galerie Neue Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden. Popova 1087

Aquarell über Bleistift auf bräunlichem Papier, mit Bleistift signiert, ohne Jahr (1914?). 20,5 : 15,5 cm auf 26,8 : 19,7 cm. Im ehemaligen Passepartoutausschnitt einheitlich gebräunt, an den Rändern kleinere Läsuren. Auf der Rückseite des Original-Passepartout der Sammlung Feldmann Marke mit Nachlaß-Stempel und die Nummerierung B 152.

Am 28. April 1914 trat Sterl seine letzte Wolgareise an, die am 28. Mai endete.
„Von Deck aus skizzierte er entlang des Südlaufs der Wolga und im Hafen von Astrachan besonders häufig orientalische Perser und die farbenfroh gekleideten Kalmücken in ihren Booten. Die Kalmücken oder Oiraten, wie sie sich selbst nennen, sind ein mongolisches Volk, das im frühen 17. Jahrhundert aus Stammsitzen in der Dsungarei ins Wolgagebiet einwanderte. Sie siedelten vor allem in der Kaspischen Senke und lebten noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Nomaden, in Flussnähe aber auch vom Fischfang.“ (Popova, Kristina, Bearb., Robert Sterl, Werkverzeichnis der Gemälde und Ölskizzen. Dresden 2011. S. 74).

„Musik auf der Wolga, die Konzertfahrten des befreundeten Dirigenten, sind der Hintergrund dieser russischen Reisen. Oscar Bie, einer der Begleiter der Konzertfahrt Kussewitzkys auf der Wolga von 1914, schildert in einer schönen Veröffentlichung der ,Wahlverwandten‘, die Sterl selbst mit 17 Lithographien illustriert hat (Musik auf der Wolga 1914, Leipzig 1920, 114) seine Erlebnisses mit dem Maler. >Drei Maler waren bei uns. Der Ungar Gerlizzi hatte die Fähigkeit, die vorübergleitende Landschaft mit wenigen Strichen und Farbandeutungen charakteristisch zu fassen. Kußnetzoff, einer der angesehensten Jungrussen, war elegant und modern pariserisch in der Aufnahme der Ufer, der Stadtblicke und der Stilleben unserer eigenen Gewohnheiten. Sterl aus Dresden pflegte seine Spezialität, die Hafenarbeiter, und machte zu ihrer Verherrlichung schon das drittemal  diese Reise mit. Ein Meister seines Faches, den ich liebgewann um des ernsten und unermüdlichen Eifers willen, mit dem er seine Augen und seine Hand in den Dienst seiner Kunst stellte. [...] Sterl saß in aller Herrgottsfrühe für sich allein auf Deck und skizzierte die Träger und das Volk, Fischereien und Prozessionen, um es dann in seiner als Atelier eingerichteten Kabine zu Ende zu führen. Schließlich hing es am Promenadendeck zum Trocknen. [...] Die anhaltende Gewöhnung ließ uns Reize in den Dingen entdecken, die dem üblichen Reisenden verlorengehen. Sie lehrte uns das Persönliche, in langen Äußerungen Charaktergewordene dieser Natur und noch mehr dieser Menschen. Zuerst erscheinen sie dem Blick als massive bunte Materie, als Ethnologie, als Rußland, als Armut und Körperschwere. Dann schwindet diese Neugierde, wir sehen nicht mehr den Elenden, den Russen, den Typ des Trachtenmuseums, wir fassen dieses Hafengetriebe und Prozessionsgeschiebe in der wassergeschwängerten, in der staubfreien Luft von einem Stil aus, der alle malerischen Möglichkeiten einer Übersetzung in den Geist uns an die Hand gibt. Jetzt wird das Tragen zu einer monumentalen Geste, das Schiffsleben zu einem differenzierenden Milieu, die Tracht zu einem Blitzen ungebrochener Farben, die Luft zu einer Instrumentation in wesentliche Klänge, Kirchenkuppeln und langgestreckte Häusermassen, Wolganatur und Segelatem, Priestergewänder, Sarafane, Kaftane, Chalats, Bohlen und Fässer und Säcke, alles eint sich zu einer Musik, in der der einzelne Gegenstand ins Sensitive rückt, die Akzente und Takte den Willen des malenden Regisseurs darstellen und die Bewegung zur Melodie der Arbeit, dieser großen Arbeit der Hände, Füße, Rücken, zur Kontur der treibenden Energie sich erhebt. So fand ich es in Sterls Bildern. Wundervoll abgestuft nach der Struktur jeder einzelnen Aufgabe. Es schien mir, daß er die malerische Anschauung der Wolgaphänomene präziser traf als mancher Russe. Vielleicht mußte dazu ein Fremder kommen, denn die Russen sehen malerisch aus ihrem Lande weit heraus<.“ (Posse, Hans, Robert Sterl. Dresden 1929. S. ,34 ff)

„Diese vom leidenschaftlichen Erlebnis und der Begeisterung für die unendlich reiche farbige Erscheinungswelt Rußlands getriebene Malerei gehört zu den besten und persönlichsten Ergebnissen, die der deutsche Impressionismus gezeitigt hat. Wie die gleichzeitigen Steinbrecher- und Musikerbilder fügen sie der deutschen Malerei eine eigene Note hinzu. In den russischen Bildern hat Sterl erst recht die Grenzen einer Lokalschule überschritten und über ein Spezialistentum hinaus sich das Anrecht auf Geltung im europäischen Bereich der Malerei erworben.“ (Posse, Hans, Robert Sterl. Dresden 1929. S. 40)

Die in dem Aquarell eingefangene Farbigkeit der Gewänder setzte Sterl 1920 in seinem Bild „Kalmückenboot auf der Wolga“ in Öl um.

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