Kunstkontor Dr. Doris Möllers

Lechter, Melchior (Münster 1865 - 1937 Raron, Kanton Wallis/Schweiz)

Der Teppich des Lebens und die Lieder von Traum und Tod mit einem Vorspiel

(Berlin), Blätter für die Kunst, 1899-1900. 38 : 36,5 cm. 26 nicht nummerierte Blatt. Titelblatt in rot und schwarz gedruckt (Lechter-Schrift). Text gedruckt in der Cicero Römischen Antiqua auf schwerem grauen Bütten mit 4 Zwischentiteln, Initialen und Bordüren nach Entwürfen von Melchior Lechter. Grüner Original-Leinwandband auf Holzdeckeln mit blaugeprägter Deckelzeichnung, dazu ein Pergamentumschlag (dieser stärker bebräunt und leicht brüchig).

6. von 300 Exemplaren. Von Lechter und George eigenhändig signiert.
Auf dem vorderen fliegenden Vorsatz mit Bleistift in Sütterlin bezeichnet „Geschenk Stefan Georges an Ernst Glöckner +“ (von Ernst Bertram). Pergamentumschlag, sowie vorderer und hinterer Vorsatz mit dem Stempel „Nachlaß Ernst Glöckner, Weilburg“. Seltene Erstausgabe.
Werkverzeichnis: Raub A 30.

Rücken und Kanten sehr leicht verblichen bzw. bestossen.

Provenienz: Sammlung Ernst Glöckner, Weilburg; Privatsammlung Westfalen.

Über das Buch:
„Die Drucklegung war für den 1. August des Jahres 1899 vorgesehen. Zwischen Ende Juni und Mitte August 1899 überließ Stefan George jedoch Melchior Lechter ein Manuskript, bei dem es sich wohl um die einzige lückenlose Handschrift aller 72 Gedichte handelte. Der Erstdruck wurde auf den 1. September verschoben; tatsächlich begann die Drucklegung nicht vor dem 30.10.1899. Die prachtvolle Erstausgabe des Bandes, von Melchior Lechter künstlerisch ausgestaltet, wurde schließlich am 30.11.1899 veröffentlicht und war vorausdatiert auf das Jahr 1900. Es handelte sich um eine kleine Auflage von 300 Exemplaren, die der Berliner Drucker Otto von Holten betreute. Die einzelnen Bände dieser Erstauflage wurden nummeriert, die verwendeten Druckplatten anschließend zerstört. Dieser Entscheidung, gleichsam eine Emphase der technischen Nichtreproduzierbarkeit, entsprach die Gewähltheit des Äußeren. Auf grauem Büttenpapier im Großquart-Format (etwa 35 mal 38 cm) befanden sich jeweils zwei Gedichte auf einer Seite. Die drei Zyklen des Bandes waren von Melchior Lechter ornamental eingerahmt worden. Nach dem >Jahr der Seele< stellt der >Teppich des Lebens< einen weiteren Höhepunkt in der Zusammenarbeit Stefan Georges mit Lechter dar, die mit dem >Siebenten Ring< dann ihren Abschluss finden sollte. Der größte Teil der ersten Auflage wurde an Freunde und Bekannte im Umkreis der >Blätter für die Kunst< abgegeben. In den freien Verkauf gelangten nur wenige Exemplare über ausgewählte Buchhandlungen, die zudem einen höheren Preis verlangten als die Subskription von 25 Mark.“ (Aurnhammer, Achim u. a. Hrsg., Stefan George und sein Kreis. Ein Handbuch. Band 1. Tübingen 2012. S. 157.)

„In zahlreichen Frontispizen und Vignetten versucht Lechter, den Inhalt eines Textes in einem Bild zusammenzufassen. Auf dem Titelblatt des >Teppich des Lebens< ruft er mit einigen wenigen Elementen die Atmosphäre des Buches auf. Zwei hohe Leuchter mit je sieben brennenden Kerzen flankieren links und rechts den Titel, und eine schmale horizontale Leiste rahmt das Mittelfeld unten wie mit einer Schwelle. In dem sakralen Raum, der auf diese Weise suggeriert wird, erscheint oberhalb des Titels das Symbol des Heiligen Geistes, die sich herabsenkende Taube. In dem Tondo, das die Taube umgibt, erkennt man Wolken, Himmel und Sterne. Offenbar steht die Dichtung dieses Bandes im Zeichen der göttlichen Gnade. Aus dieser Überzeugung wächst Lechters Bildsprache, von hieraus legitimiert sie sich.“ (Treffers, Bert, Melchior Lechters Buchkunst. In: Melchior Lechter, der Meister des Buches 1865-1937. Amsterdam 1987. S. 13)

Zur Provenienz:
Dem Buch liegt folgende handschriftliche Notiz bei: „Nr. 2b der Briefe von George (teilsweise von Gundolf geschrieben) an Ernst Glöckner. Original im Besitz des George-Archivs von Dr. Boehringer. >Anbei im Auftrag des Meisters 1 ‚Teppich des Lebens‘ (Erstausgabe mit Melchior Lechter) Herzlichst Ihr Gundolf<.
Angekommen in Weilburg am 15.1.1918“

Ernst Glöckner (1885 - Weilburg - 1934) studierte in Bonn Kunstgeschichte und Germanistik und wurde 1909 promoviert. Sein Lebensgefährte war der Geisteswissenschaftler Ernst Bertram (1884-1957), der ebenso wie Glöckner zum George-Kreis zählte. Bertram kümmerte sich um den Nachlass des Freundes.
Die württembergische Landesbibliothek Stuttgart besitzt einen Teil des Glöckner-Nachlasses.

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