Kunstkontor Dr. Doris Möllers

Beckmann, Max (Leipzig 1884 - 1950 New York)

Die Seiltänzer

Beckmann, Max (Leipzig 1884 - 1950 New York)
Die Seiltänzer. Kaltnadelradierung auf Japan, mit Bleistift signiert, 1921. 25,8 : 25,7 cm auf 54,2 : 38,4 cm. Werkverzeichnis: Hofmaier 198 II B b. Eins von 75 Exemplaren auf Japan, dazu 125 auf Bütten,.
Blatt 8 der Mappe "Der Jahrmarkt". Herausgegeben vom Verlag der Marées Gesellschaft München (mit deren Trockenstempel).
Provenienz: Sammlung Samuel Montealegre (Maler und Kunstkritiker), Rom; Galleria Giulia; Rom; Privatsammlung Rom.

Ganz ausgezeichneter, herrlich gräftiger und gratiger, in den Schwärzen sehr schön samtiger Druck mit dem vollen Rand und nur unmerklichen Altersspuren.


"Die Sympathie für das fahrende Volk scheint Beckmann von seinem Vater geerbt zu haben. In einem Brief an seinen Verleger Reinhard Piper, den Auftraggeber der Graphikfolge >Jahrmarkt<, erzählt er am 1. Juni 1921, sein Vater habe einmal den leider nicht realisierten Plan gehabt, sich einen Wohnwagen (>so wie ihn die kleinen Artisten haben<) zu kaufen und mit ihm von Stadt zu Stadt zu ziehen. Er selbst, so fährt Beckmann fort, freue sich >nun darauf von einer Kupferplatte zur anderen zu reisen<. Die Stationen dieser Reise waren die (zunächst) neun Platten, die der Künstler bereits im Mai in verschiedenen Größen bestellt hatte, >da immer ein und dasselbe Format für den Beschauer wie für den Produzenten etwas langweilig ist.< Im Juli nahm Beckmann die noch unbearbeiteten Platten nach Graz mit, wo er seine Frau Minna, die seit 1918 Sängerin am Grazer Opernhaus war, besuchte. Von hier aus ist Beckmann - vermutlich mit Minna - nach Wien gereist und hat dabei wohl auch sein Vorhaben wahrgemacht, den Prater zu besuchen. In Graz radierte Beckmann während des Sommers die neun mitgebrachten Platten, wobei sich sein Aufenthalt bis Oktober verlängerte, da Minna schwer erkrankte. Nach Frankfurt zurückgekehrt, kam er Pipers Wunsch nach, noch zwei weitere Jahrmarktszenen zu schaffen. Davon sollte eine die etwas aus dem Rahmen fallende Darstellung >Ringkämpfer< ersetzen, die andere die Folge auf zehn Blätter erweitern. [...] Die ungeklärte Beziehung zu Minna, von der Beckmann seit 1915 weitgehend getrennt lebte, die er aber nach wie vor verehrte, ja liebte, ist auch für das Blatt >Seiltänzer< von Beutung. Das Exemplar für Minna versah Beckmann mit der Bemerkung, dies sei ihrer beider Bildnis. Mann und Frau vollführen einen gefährlichen Balanceakt mit ungewissen Ausgang. Die Artistin übt ihre Kunst mit großer Sicherheit aus. Ihr Unterleib fällt optisch mit der Achse des Riesenrades zusammen, das für das Auf und Ab des Lebens steht. Die Schößchen des Rockes wirken wie Speichen des Rades und auch der Sonnenschirm, der doch dem Gleichgewicht dienen soll, scheint zu rotieren. Der Mann - blind durch ein übergehängtes Tuch - läuft von rechts auf die Frau zu und ist ihr bereits bedenklich nahe. Die Mondsichel in seinem Rücken bringt das Traumwandlerische dieses Schauspiels zum Ausdruck. [...] Beckmanns >Jahrmarkt< ist ein graphisches Meisterwerk. Diese Folge ist gelöster, heiterer als die >Hölle< oder die >Stadtnacht<. Und dennoch ist sie von tiefem Ernst erfüllt. Sensibel rückt Beckmann Aspekte der menschlichen Existenz, des Künstlerdaseins und insbesondere auch seiner ganz persönlichen Situation ins Blickfeld." (Max Beckmann. Druckgraphik 1914-1924. Katalog der Ausstellung der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe 2005. S. 112 ff)


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