Kunstkontor Dr. Doris Möllers

Marc, Franz (München 1880 - 1916 Braquis bei Verdun)

Bretonische Bettler

Kreidelithographie auf Velin, mit Bleistift signiert, im Stein monogrammiert, 1907. 25 : 29,5 cm.

Werkverzeichnis: Hoberg/Jansen 6.

Provenienz: Sammlung Max Dietzel, München (mit dessen handschriftlichen Notizen von 1913 auf dem Passepartout); Sammlung Heinrich Stinnes, Köln (mit dessen Sammlungsstempel und handschriftlichen Beschriftungen); Sammlung Helmut Goedeckemeyer, Frankfurt (mit dessen Sammlungsstempel verso); Privatsammlung Pfalz.

links der Sammlungstempel von Heinrich Stinnes
Sammlungsstempel Helmut Goedeckemeyer
handschriftliche Notationen von Heinrich Stinnes
handschritliche Notationen von Max Dietzel auf dem Original-Passepartout

Max Dietzel (1883 - 1916) führte zusammen mit seinem Freund Paul Ferdinand Schmidt 1912/13 in der Münchner Königinstraße den „Neuen Kunstsalon“, wo u. a. Künstler des „Blauen Reiter“ und der „Brücke“  ausgestellt waren. Außerdem kooperierte die Galerie mit dem Folkwang Museum in Hagen.
Er schrieb auf das Passepartout in Tinte: „N.K.-S. [Neuer Kunst-Salon] Max Dietzel. VIII/1913. Franz Marc 1880-1916: Holz- (Lumpen?)sammler. Lithographie mit der Feder auf Stein; handschr. bez. Druck auf Bütten 25,-“
Heinrich Stinnes (Mülheim an der Ruhr 1867 - 1932 Köln) trug von 1910 bis 1932 eine der bedeutensten Graphiksammlungen Europas zusammen (ca. 200000 Blätter !), die nach seinem Tod auf mehreren Auktionen versteigert und damit zerrissen wurde. Stinnes erwarb nur frühe und beste Abzüge, die er recto mit seinem Stempel versah. Seine Bleistiftnotation lautet: „Franz Marc - Holz-/Lumpen ?/Sammler. Lithographie 25,-“ was darauf schließen läßt, das Stinnes das Blatt bei Dietzel erworben hat.
Helmut Goedeckemeyer (1898-1983) besaß eine druckgraphische Sammlung der deutschen und französischen klassischen Moderne von ca. 5000 Werken. Seine Kollwitz-Sammlung ging an das Städelsche Kunstinstitut in Frankfurt.

„Trotz der überschaubaren Anzahl von 14 größeren Lithographien und 22 Holzschnitten erweist sich das druckgraphische Werk von Franz Marc als recht komplex. Dies betrifft weniger das frühe lithographische Werk, dessen Blätter äußerst rar und zum Teil sogar nur in Unikaten erhalten sind, sondern die Variationsbreite der Schwarz-Weiß- und Farbholzschnitte, die ab 1911/12 entstanden sind und verschiedene Auflagen erfahren haben. [...] Marc begann sein druckgraphisches Werk ab dem Winter 1907 mit der Herstellung von Lithographien, die er offenbar zu Verkaufszwecken anfertigte, um seine in diesen Jahren stets angespannte finanzielle Situation zu verbessern, die sich erst ab 1910 durch seine Begegnung mit dem Mäzen Bernhard Koehler ändern sollte. [...] Doch die Anzahl der erhaltenen Abzüge seiner Lithographien, die häufig noch delikat und unterschiedlich eingefärbt waren, ist außerordentlich gering, meist geht sie nicht über zwei bis zehn Exemplare hinaus.“ (Hoberg, Annegret und Isabelle Jansen, Franz Marc. Werkverzeichnis Band III. Skizzenbücher und Druckgraphik. München 2011. S. 310)

Franz Marc reiste im Mai 1903 auf Einladung seines wohlhabenden Kommilitonen Friedrich Lauer für vier Monate nach Frankreich, wo er Werken von Manet, Courbet und Delacroix begegnete und den Endschluß faßte, die Akademie zu verlassen um sich autodidaktisch weiter zu bilden. Auf einer zweiten Reise nach Paris im Frühjahr 1907 begegnete Marc schließlich Werken Van Goghs, dem seine große Bewunderung galt. Am 13.4.1907 schreibt er an Maria Franck: „Ich war selten so sehr mit mir einig als Künstler wie diesmal in Paris. Diese 8 Tage gehören zu den traumhaftesten Tagen meines Lebens, – und voll Gewinn. Ich sah mir nur wenig anderes an als die beiden
großen neuen Meister van Gogh und Gauguin und daneben ägyptische und mittelalterliche Plastik und Rodin. Am meisten aber ›la belle Seine ...‹ zu allen Tagesstunden und Nachtstunden. Ich war unsagbar glücklich, allein sein zu dürfen, und was man dazu dachte, kümmerte mich nicht.“ Am 24.7.1907 schreibt er erneut an Maria: „Van Gogh ist für mich die teuerste, größte, rührendste Malergestalt, die ich kenne. Ein Stück einfachster Natur zu malen und dahinein allen Glauben und alle Sehnsucht hineinzumalen, das ist doch das Würdigste; ich ziehe ihn heut dem viel berechnenderen Gauguin in jeder Beziehung vor.“  (Roßbeck, Brigitte, Franz Marc. Die Träume und das Leben. München 2015. S. 93)


Vorliegende Lithographie läßt den Einfluss Van Goghs spüren, den Marc eingehend in Paris studiert hatte.


Springende Pferdchen

Holzschnitt auf gelblichem Maschinenbütten, im Stock monogrammiert, 1912. 13,5 : 9 cm auf 23,9 : 16,7 cm.
Werkverzeichnis: Hoberg/Jansen 31.
Mit  Atelierspuren, in der rechten oberen Ecke kleiner Wasserrand. Möglicherweise Probedruck vor der ersten Auflage von Handdrucken und der zweiten Auflage für „Der Sturm. Wochenschrift für Kultur und die Künste“, hrsg. von Herwald Walden, N° 129, S. 163 von Oktober 1912.
Teils sehr pastoser Farbauftrag, verso durchschlagend.

Provenienz: Privatbesitz Berlin.

„Gegenüber dem schon mengenmäßig imponierenden Holzschnittwerk der Künstler aus dem ‚Brücke‘-Kreis - fast 1000 verschiedene Blätter von Kirchner, jeweils an die 450 von Schmidt-Rottluff und Heckel oder 200 von Nolde - , aber auch im Vergleich zu Kandinskys rund 150 Nummern nehmen sich die kaum über zwanzig zählenden Holzschnitte Franz Marcs mehr als bescheiden aus; daher rührt freilich ebenso die Seltenheit her, Drucke von seiner Hand auf dem Kunstmarkt zu finden.
Die Beschäftigung mit dem Holzschnitt umfaßt bei Marc nur zweieinhalb Jahre: von der Wende 1911/12 bis zur Mitte 1914, als der Sechsunddreißigjährige in den Krieg zog, aus dem er nicht mehr zurückkehren sollte. [...] So zwangsläufig, im Rückblick auf das Lebenswerk gesehen, der Schritt von der Lithographie zum Holzschnitt gewesen ist, es mußten doch verschiedene Anregungen zusammenkommen, damit Marc sich diesem graphischen Verfahren öffnete. [...] den letzten Anstoß scheint nach dem Bericht seiner Frau Maria Marc doch Kandinksy gegeben zu haben, der den Freund im Zusammenhang mit den Plänen zur Bebilderung des Almanachs Der Blaue Reiter ermunterte, sich in dieser Technik zu versuchen. [...] Den entscheidenden Eindruck von den vielfältigen künstlerischen Möglichkeiten des Holzschneidens gewann Marc jedoch im Januar  1912, als er während eines Berliner Aufenthaltes die Maler der Brücke und der Neuen Secession in ihren Ateliers aufsuchte: Heckel, Kirchner, Nolde und Pechstein. Er war überwältigt von dem ‚Riesenmaterial‘ und packte sofort einen großen Stoß davon zusammen, um ihn nach München zur geplanten Schwarz-Weiss-Ausstellung des Blauen Reiters zu schicken, die Mitte Februar eröffnet wurde. [...] So sehr Marc von der Kunst der Brücke angetan war, seine eigenen Blätter verleugnen nie das andersartige Formgefühl und das abweichende Ziel. Gegenüber der kantigen, zuweilen brutal vereinfachenden Sprache der Dresdner und Berliner Gruppe werden sie von schwingenden Rhythmen beherrscht; kunstvoll geflochtene Liniengewebe betonen das Weiche mehr als das Harte, das Gerundete mehr als das Eckige, das Verbindende mehr als das Trennende. Akt, Tier und Pflanze sind organisch einer übergreifenden Ganzheit eingebunden, jenem ‚Unteilbaren Sein‘, das darzustellen Marc sich sehnte. [...]
Nach Marcs Worten sollten die überzähligen Drucke als ‚Versuchsdrucke‘ bezeichnet werden - ein Begriff, der noch mehr als der gebräuchlichere ‚Probedrucke‘ das Stadium des Experimentes umschreibt und den Maria Marc vielleicht eben deswegen nicht benutzt hat. Die Ankündigung, solche Drucke - ‚soweit sie fertig sind‘ - später nachzusignieren, hat der Künstler indessen nicht wahrmachen können [...]. (Lankheit, Klaus, Die Holzschnitte Franz Marcs. In: Hoberg, Annegret und Isabelle Jansen, Franz Marc. Werkverzeichnis Band III. Skizzenbücher und Druckgraphik. München 2011. S. 319 ff.)

„Die Springenden Pferdchen verdienen ihre Bezeichnung eigentlich nicht ganz; denn allenfalls das unterste zeigt eine solche Bewegung. Es scheint eher emporzusteigen, seine Aufwärtsrichtung wird von den drei Tieren darüber so aufgenommen, dass ein Zickzackrhythmus mit manchen Diagonalimpulsen entsteht - eine kleine Vorahnung des Turms der blauen Pferde.“ (Holst, Christian von, Franz Marc. Pferde. Katalog der Ausstellung in der Staatsgalerie Stuttgart 2000. S. 102 ff.)

 

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