Kunstkontor Dr. Doris Möllers

Schmidt-Rottluff, Karl (Rottluff bei Chemnitz 1884 - 1976 Berlin)

Hohe Bäume.

Kaltnadelradierung mit Aquatinta auf festem Bütten, mit Bleistift signiert und beschriftet "2029" (= 29. Graphik in 1920) "St", 1920. 39,5 : 33 cm auf 47 : 36 cm.
Am oberen Rand Knickspuren. Prachtvoller Druck mit sehr tiefem, samtigen Grat und feinem, körnigen Plattenton und deutlichem Relief.

Von absoluter Seltenheit (wir können nur ein weiteres Exemplar im Kunstmuseum Chemnitz nachweisen!).

Provenienz: Sammlung Dr. Elsa Hopf.

Dr. Elsa Hopf (1875 - Hamburg -1943) war eine der ersten promovierten niedergelassenen Zahnärztinnen in Deutschland in ihrer Zeit. Zu ihren engen Freundinnen gehörte die Kunstmäzenin Rosa Schapire, die heute neben den Brücke-Künstlern selbst als eine der Leitfiguren des deutschen Expressionismus gilt. Nach der Quellenlage trat Elsa Hopf wohl um 1910 den passiven Mitgliedern der Brücke-Gemeinschaft bei, von denen es in Hamburg rund 20 gab. Damit war die Gruppe der passiven Mitglieder in Hamburg die größte überhaupt, und sie wurde maßgeblich durch das Engagement der Kunsthistorikerin und Mäzenin Dr. Rosa Schapire (Brody/Ostgalizien 1874 – 1954 London) getragen. Ebenso wie die viel bekanntere jüdische Kunsthistorikerin pflegte die Zahnmedizinerin Elsa Hopf eine besonders innige Beziehung zu Karl Schmidt-Rottluff.

"Die Jahre 1920 und 1921 werden graphisch vom Kaltnadelblatt beherrscht. [...] Zu Beginn stehen Landschaften von traumhafter Schönheit, von Licht überrieselt. Allmählich wächst der Umfang der Blätter, in gleichem Maße steigert sich das Allgefühl, das sich in ihnen auswirkt." (Schapire,Rosa, Karl Schmidt-Rottluffs graphisches Werk bis 1923. Berlin 1924. S. 7) )

"Die in niedrigen Auflagen erschienen >Kaltnadelblätter, in denen der Reiz der metallischen Platte, das scharf Umschriebene des Umrisses den Eindruck bestimmen< und >innere Vorstellung und Verwirklichung in und durch das Material< sich decken, wie Rosa Schapire sagt, gehörten und gehören noch immer zu den Raritäten und harren im Grunde nach wie vor der Entdeckung. [...] Als er im dritten Anlauf 1920 die Beschäftigung mit dem Metalldruck wieder aufnahm und zu einem Höhepunkt führte, hat er die Kaltnadeltechnik wohl um den Stich bereichert und auch den sparsamen Gebrauch der Ätzsäure nicht gescheut, jedoch keineswegs Mehrdeutigkeit der Zustände angestrebt und auch keine farbigen Drucke hervorgebracht. Auch hier hat er seine bereits festgefügte Vorstellung des Darzustellenden gestaltet und durch die bewußte Begrenzung der technischen Gestaltungselemente wie beim Holzschnitt die Unveränderbarkeit, das Nicht-rückgängig-machen-Können der endgültig getroffenen Entscheidung betont. Seine Bevorzugung des Grabstichels und der kalten Nadel beweist, daß er nicht auf das Einfangen flüchtiger Intuitionen, sondern darauf aus war, den unmittelbaren Kontakt mit dem bearbeiteten Material zu erhalten, Arm, Gelenk und Duktus der Hand zum Eingraben und Einritzen des Bildes im Metall einsetzen und dann aus diesen direkten Einwirkungen die Druckerschwärze aus den Tiefen ins Papier pressen zu können." (Wietek, Gerhard, Schmidt-Rottluff - Graphik. München 1971. S. 133 f.)


Morgensonne (Blick aus dem Atelierfenster auf das Blaue Haus).

Farbkreiden und Tusche auf Ingres-Papier, mit Tusche signiert und rückseitig in Bleistift betitelt, um 1960.
39,8 : 53,4 cm.
Im ehemaligen Passepartout-Ausschnitt sehr geringfügig gebräunt, verso Montierungsstreifen, sonst tadellos erhalten.
Provenienz: Geschenk des Künstlers an den Erstbesitzer; Galerie Bekker vom Rath, Frankfurt; Privatsammlung Frankfurt.
Hanna Bekker vom Rath (1893-1983) hatte in ihrem Blauem Haus in Hofheim im Taunus seit 1920 eine der bedeutsamsten Sammlungen des deutschen Expressionismus aufgebaut, wodurch sie einen engen Kontakt zu den Brücke-Künstlern bekam. Besonders Karl Schmidt-Rottluff verbrachte produktive Aufenthalte in Hofheim. 1932 kam er zum ersten Mal und kehrte bis 1972 regelmäßig dorthin zurück. Hanna Bekker vonm Rath stellte ihm während seiner Aufenthalte ihr eigenes Atelier zur Verfügung. 1954 baute sie ein Atelierhaus in ihrem Garten, in dem sie eine Etage nur für ihn bereithielt. Häufig traf er im Blauen Haus seine Freunde, vor allem Erich Heckel und Emy Roeder.
Literatur: Brücke und Blaues Haus. Heckel, Kirchner, Schmidt-Rottluff und die Sammlerin Hanna Bekker vom Rath. Katalog der Ausstellung im Stadtmuseum Hofheim am Taunus 2010.
"Das Aquarell sowie vor allem die Tuschpinselzeichnung werden von 1964 an die Hauptausdrucksmittel des Künstlers, begleitet von einer Anzahl in Mischtechnik - Pastell und Tusche - ausgeführten Zeichnungen. Schmidt-Rottluff hat inzwischen sein 80. Lebensjahr erreicht. Auch in den späten Aquarellen und Zeichnungen wird die früher so sinnenstark erlebte Wirklichkeit umgewandelt. Schmidt-Rottluff beginnt mehr und mehr hinter seinem Werk zurückzutreten. Die Konturen werden mit breitem, trockenem Pinsel gezogen; kraftvoll wird der Ausdruck gesteigert. Vor allem in den Tuschpinselzeichnungen werden noch einmal die expressiven Ausdrucksmittel intensiviert. Mit großartiger Konsequenz weiß er alle in dieser speziellen Technik liegenden Möglichkeiten zu nutzen. Schmidt-Rottluff selbst hat seine späten Tuschpinselzeichnungen als 'Schwarzblätter' bezeichnet, da die Tusche hier nicht mehr verdünnt, sondern tiefschwarz eingesetzt wird. [...] Parallel zu den letzten Aquarellen sind auch die letzten, teilweise mit dem Tuschpinsel kombinierten Farbstiftzeichnungen entstanden. Die Suche nach der bildhaften Form hat Schmidt-Rottluffs Schaffen bis zuletzt bestimmt. Bis zuletzt war er Expressionist und hat diesem Stil in einer sich verändernden, nun von Abstraktion, Informel, Pop- und Op-Art geprägten Kunstwelt verteidigt. Sein Programm war stets, wie er 1914 formuliert hat, 'das zu fassen, was ich sehe und fühle und dafür den reinsten Ausdruck zu finden'". (Moeller, Magdalena M., Karl Schmidt-Rottluff. Werke aus der Sammlung des Brücke.Museums Berlin. München1997. S. 46f).

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