Kunstkontor Dr. Doris Möllers

Overbeck, Gerta (Dortmund 1898 - 1977 Lünen)

Ohne Titel (Kartenspieler).

Aquarell auf Bütten, mit Pinsel signiert, 1928. 54,8 : 48,2 cm.
In den Rändern Spuren von Heftzwecken, sonst sehr gut erhalten.

„So sehr ich das Werk von Käthe Kollwitz schätze, finde ich doch, daß ein Maler sich in erster Linie mit der Komposition und Farbgebung zu befassen hat und nicht versuchen sollte, auf diese Weise seine proletarische Gesinnung zum Ausdruck zu bringen oder Gutes zu wirken... Bei meinem Kartenspielerbild hatte ich allerdings gewiß nicht die Absicht, einen sozialen Notstand, verursacht durch Arbeitslosigkeit, zur Anschauung zu bringen, ebenso wenig allerdings eine Stammtischrunde.“  (Gerta Overbeck 1976 zitiert nach: Hildegard Reinhardt, Gerta Overbeck. In: Britta Jürgs, Hrsg., Leider hab ich‘s Fliegen ganz verlernt. Portraits von Künstlerinnen der Neuen Sachlichkeit. Grambin 2000. S. 132)

„So sehr ich das Werk von Käthe Kollwitz schätze, finde ich doch, daß ein Maler sich in erster Linie mit der Komposition und Farbgebung zu befassen hat und nicht versuchen sollte, auf diese Weise seine proletarische Gesinnung zum Ausdruck zu bringen oder Gutes zu wirken... Bei meinem Kartenspielerbild hatte ich allerdings gewiß nicht die Absicht, einen sozialen Notstand, verursacht durch Arbeitslosigkeit, zur Anschauung zu bringen, ebenso wenig allerdings eine Stammtischrunde.“  
Das Motiv der Kartenspieler ist im Werk Gerta Overbecks häufiger zu finden und mündet 1929 in einem Gemälde. Über eine aquarellierte Vorstudie hierzu, die ebenfalls 1929 entstand, schreibt Hildegard Reinhardt: „In erdfarbenen Blau- und Brauntönen entwarf die Künstlerin eine knappe Skizze der vier Personen, die sie auf dem Ölbild auf drei um einen Tisch gruppierte Figuren reduzierte. Die Malerin hat die Spieler mit großer Monumentalität ausgestattet und diese Genreszene in eigentümlicher Erstarrung und Versteinerung festgehalten. Die beiden männlichen Figuren in Profilansicht und die Frau in direkter Frontalität mitihren grobknochigen, derben Proletariergesichtern sind in einem Augenblick totaler Konzentration auf das Spiel beobachtet worden. Der Innenraum des Gasthofes - es handelt sich im übrigen um das jetzige First-Class-Hotel Kreutzkamp in Cappenberg, das Ende der 20er Jahre noch eine einfache Bauernkneipe mit offener Feuerstelle, Steinfußboden, riesigen Tischen, Tresen und Kupfertöpfen war - gibt die Folie des Bildgeschehens ab.“


Kanalhafen.

Aquarell auf Bütten, mit Pinsel signiert, datiert und betitelt, 1928. 53,1 : 47,9 cm.
In den Ecken Spuren von Heftzwecken, stellenweise kleinere Farbverluste, den schönen Gesamteindruck aber nicht beeinträchtigend.
Verso flüchtige Aquarellskizze, die Ecken von der Künstlerin mit Papier verstärkt, Montierungsreste.

Ausstellung: Grethe Jürgens und Gerta Overbeck. Bilder der zwanziger Jahre. Bonner Kunstverein 1982.

Dieses Bild steht beispielhaft für die Prinzipien der Neuen Sachlichkeit: „strenge Linearität, Betonung der Konturen, Statik, kühle Farbigkeit mit glatter Oberfläche, Tilgung des Malprozesses, einfache, übersichtliche, stark rechtwinklige, oft parallel zum Bildrahmen verlaufende, geometrische, häufig stereometrische Kompositionen, zeichnerische Schärfe, graphischer Gesamtcharakter.“ (Hildegard Reinhardt, Gerta Overbeck. In: Niederdeutsche Beiträge zur Kunstgeschichte. Band 18. München 1979. S. 235 f.)

„... die Eigenständigkeit ihres Oeuvres besteht darin, daß sich ihr bildnerisches Interesse Mitte der zwanziger Jahre auf die Industriearchitektur und Bautätigkeit im Ruhrgebiet richtete, um in den ausgehenden zwanziger Jahren erneut den Menschen ins Zentrum der Arbeit zu stellen. Diese spröden Arbeiten einer höchst unweiblichen Thematik sowie ihre strengen Bildnisse von Freunden und Kindern sichern ihren Rang innerhalb der Neuen Sachlichkeit...“ (Hildegard Reinhardt, Gerta Overbeck. In: Britta Jürgs, Hrsg., Leider hab ich‘s Fliegen ganz verlernt. Portraits von Künstlerinnen der Neuen Sachlichkeit. Grambin 2000. S. 139)

„Dortmund war ganz anders: die Industriebevölkerung, die Arbeitslosigkeit, die häßlichen, rußigen Häuser, ernüchternd, ohne vermittelnde Tradition. Hier wechselte ich oft meine Zimmer. Eine Zeitlang wohnte ich bei einer Bergarbeiterfamilie, gleich neben der Grube.“ (Hildegard Reinhardt, Gerta Overbeck. In: Britta Jürgs, Hrsg., Leider hab ich‘s Fliegen ganz verlernt. Portraits von Künstlerinnen der Neuen Sachlichkeit. Grambin 2000. S. 130)


Der Wachsbogen.

Malerei, Plastik, Architektur, Musik, Schrifttum. 12 Hefte in 8 (= alles Erschienene). (Hannover) 1931-1932. Matrizendruck mit Klammerheftung. Die Umschläge der Ausgaben 1-3 papierbedingtstärker beschädigt, insgesamt alters- und materialbedingter Zustand.
Die anfängliche Auflage betrug 100 bis 150 Exemplare, die letzten Hefte erschienen in 200 Exemplaren.
Von allergrößter Seltenheit!


„Ich meine, es war an einem Sonntagmorgen im Spätsommer 1931, als wir bei einem Besuch von Atelier zu Atelier in der Liststadt auf die Idee kamen, eine Zeitschrift zu verfassen. Wir glaubten, es wäre Zeit, nicht nur die Künste der Literatur, Malerei, Musik und Architektur praktisch auszuüben, sondern sie auch im Zusammenhang miteinander zu bringen durch Artikel über die Themen, die uns beschäftigten und die unsere Situation betrafen. Die Zeitschrift sollte von den Dingen berichten, über die wir nächtelang diskutierten. Ein regelmäßiges Einkommen hatten wir alle nicht, wenn man nicht die Arbeitslosenunterstützung dazu rechnete. Geldgeber hatten wir auch nicht, aber große Pläne und einen Auslösungsschein für eine bei Zickenrodt und Pollmar versetzte Schreibmaschine, die diesen Weg schon öfter gemacht hatte. Daher war die Finanzierung eine schwierige Sache, über die wir uns aber in unserem Optimismus nicht allzu viele Gedanken machten [...] Durch irgendwelche günstigen Umstände kamen wir an einen Wachsbogenapparat, der mit der Hand betrieben wurde. Gustav Schenk schrieb seine eigenen Artikel und die seiner Mitarbeiter auf Wachsbögen und zog die Seiten ab. Wir anderen stellten sie zusammen und hefteten sie. Die Umschläge hatte ich in Linoleum geschnitten und sie mit der Hand abgezogen. Redaktion und Druckraum war mein Atelier. Die Nummer kostete 30Pf. Um Porto zu sparen, trugen Gerta Overbeck und ich die Exemplare für die Stadt mit dem Rad aus.“ (Grethe Jürgens, Die Geschichte des „Wachsbogen“, abgedruckt in: Ausst.-kat. Hannover, 1974. S. 21.)

Die Zeitschrift bestand u. a. aus Beiträgen, die von Literaten aus einem kleinen Kreis um Gustav Schenk stammten (er schrieb unter insgesamt fünf Pseudonymen, darunter Georg Pahl und Cyrill Utis*) sowie künstlerischen Aufsätzen (davon auch zwei von Gerta Overbeck).

*Da es nicht genügend Mitarbeiter gab, schrieben auch andere Autoren zusätzlich unter einem Pseudonym, damit nicht ständig die gleichen Namen auftraten (für weitere Informationen siehe: Ines Katenhusen, Kunst und Politik. Hannovers Auseinandersetzungen mit der Moderne in der Weimarer Republik. Hannover 1998. S. 381 ff.

Die Texte wurde mittels Wachsmatrizen gedruckt, was dem Projekt seinen Namen gab. Es sollte als Sprachrohr dienen, die jeweiligen künstlerischen Anliegen über die Grenzen Hannovers bekannt zu machen. Zwischen November 1931 und Juni 1932 erschienen 12 Ausgaben, dann wurde die Publikation wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten, die von Anfang an bestanden, eingestellt. Schon im ersten Heft schrieb Schenk: „ Bitte bestellen Sie! Ihre Sympathie in Ehren, aber wir müßten vor lauter Sympathie das Erscheinen unserer Zeitschrift einstellen, wenn sie sich nicht entschließen können, jede vierzehn Tage 30 Pfennig zu opfern! - Bestellen Sie, um Himmelswillen, bestellen Sie!“
Diese Publikation brachte Schenk „wohl während der Weimarer Republik die meiste Beachtung in der Öffentlichkeit [... sie trägt] heute >fast legendäre Züge<“. (Ines Katenhusen, Kunst und Politik. Hannovers Auseinandersetzungen mit der Moderne in der Weimarer Republik. Hannover 1998.  S. 381)

Schriftleiter der ersten vier Hefte war Gustav Schenk, danach Grethe Jürgens, in deren Atelier bis auf eine Nummer alle Ausgaben der Zeitschrift hergestellt wurde. „Inzwischen kam es zu hitzigen Diskussionen und Streit in der Redaktion, da unser Herausgeber zu diktatorisch wurde. Ich übernahm die Herausgabe, Gustav Schenk blieb ‚Chefredakteur‘.“ (Grethe Jürgens, Die Geschichte des „Wachsbogen“, abgedruckt in: Ausst.-kat. Hannover, 1974. S. 21.) Das Heft 5/6 wurde bei C. L. Schrader in der Theaterstrasse gedruckt. „Dann fanden wir in Herrn Wundram, dem Besitzer dr Buchdruckerei C. L. Schrader, einen Mäzen, der uns zwei Nummern mit einem festen Umschlag und sogar mit Bildreproduktionen druckte.“ (Grethe Jürgens, Die Geschichte des „Wachsbogen“, abgedruckt in: Ausst.-kat. Hannover, 1974. S. 21.) Das Blatt wurde nur an Abonennten ausgegeben, im Handel war es nicht erhältlich.

Die Bedeutung dieser Zeitschrift liegt vor allem in dem Bild, das hier besonders durch die Beiträge von Gustav Schenk, von den Künstlern  der hannoverschen Sachlichkeit „als eines sowohl  den unkünstlerischen Machenschaften einer den Konventionen verhafteten städtischen Kunstpolitik als auch den Experimenten und Eitelkeiten einer abstrakt-konstruktivistischen Avantgarde unbestechlich gegenübertretenden Zusammenschlusses junger, redlich kämpfender Malerinnen und Maler“ vermittelt wurde. (Ines Katenhusen, „In summa so etwas wie das künstlerische Gesicht unserer Stadt“?. Die Stadt, die Provinz und die Maler der Neuen Sachlichkeit in den zwanziger und dreißiger Jahren. In: „Der stärkste Ausdruck unserer Tage“. Neue Sachlichkeit in Hannover. Katalog der Ausstellung im Sprengel-Museum Hannover 2001/2002. S. 37) Die hier zu findenden Aufsätze „bezeugen nicht nur den Versuch, die wachsende öffentliche Anerkennung der Maler und Malerinnen des Kreises aktiv zu untermauern, sondern auch das Bestreben, sich mit einigen zentralen Debatten und Leitworten der deutschen Kulturszene während der Weltwirtschaftskrise auseinander zu setzen.“ (James A. van Dyke, „Der Wachsbogen“ und die „Krise der modernen Kunst“ um 1930.. In: „Der stärkste Ausdruck unserer Tage“. Neue Sachlichkeit in Hannover. Katalog der Ausstellung im Sprengel-Museum Hannover 2001/2002. S. 70 )
Anders ausgedrückt: „Sie waren diejenigen, die mit ihrer künstlerischen Arbeit ständig darauf aufmerksam machten, wie wenig golden die zwanziger Jahre waren.“ (Ines Katenhusen, Kunst und Politik. Hannovers Auseinandersetzungen mit der Moderne in der Weimarer Republik. Hannover 1998. S. 263)

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