Kunstkontor Dr. Doris Möllers

Overbeck, Gerta (Dortmund 1898 - 1977 Lünen)

Häuser

Linolschnitt auf Japanpapier, mit Bleistift monogrammiert, auf dem  Unterpapier in Bleistift betitelt und datiert, 1924. 27,5 : 20,2 cm.
Braunfleckig, in der oberen linken Ecke wasserrandig, stellenweise knittrig. Die Ecken verso mit Papier alt hinterlegt.

Gleichfalls in der Architektur kennt man die Bezeichnung „Neue Sachlichkeit“ und assoziiert damit als erstes die sogenannte „Bauhaus-Architektur“. Auch in Dortmund hat es Bestrebungen zum „Neuen Bauen“ gegeben, wie oben abgebildetes Foto sinnfällig zeigt. Natürlich sind auch hier die Begrifflichkeiten nicht unumstritten. Wohnungsnot und die Entwicklung des Eisenbetonbaus sorgten in den Städten für eine rasante architektonische Umwälzung und somit auch bei Künstlern wie Gerta Overbeck  für neue Motive.

Kinder mit Handwagen.

Aquarell auf Zeichenpapier, mit Bleistift monogrammiert und datiert (mit Kugelschreiber nachgezogen), auf dem Unterkarton von der Künstlerin in Bleistift betitelt, signiert und datiert, 1924. 26 : 34,7 cm.
Farbfrische Erhaltung.

Nahezu gleichzeitig mit Grethe Jürgens ist bei Gerta Overbeck ab der Mitte der Zwanziger Jahre eine stilistische Umwandlung in Richtung „Neue Sachlichkeit“ zu beobachten. Sie legte die expressiven, deformierenden Ausdrucksmittel ab zugunsten einer statischeren und strengeren Malerei, die nun auch immer größere Formate bekam.

Bilder wie dieses mit den typischen Merkmalen einer Ruhrgebiets-Stadt wie Dortmund, sind in Overbecks Werk seit der Mitte der zwanziger Jahre häufiger zu finden. „Mit dieser Arbeit leistet die Malerin einen bedeutenden Beitrag zur Kategorie des Stadtbildes, das infolge der Industrialisierung und Urbanisierung eigentlich erst im 19. Jahrhundert als bildwürdig empfunden wurde und das dann in der Malerei der Neuen Sachlichkeit einen beachtlichen Rang einnehmen sollte.“ (Hildegard Reinhardt, Gerta Overbeck. In: Niederdeutsche Beiträge zur Kunstgeschichte. Band 18. München 1979. S. 237)


Werner Mirow, Redakteur beim Hannoverschen Tageblatt, schrieb 1934: „Diese Arbeiten [...] zeigen Ausschnitte aus der rheinisch-westfälischen Landschaft und geben in eindrucksvoller und überzeugender Weise den von rastloser Tätigkeit und menschlichem Gestaltungswillen gezeichneten Charakter jener Gegend wieder. Und es ist vor allem der Kampf, das spannungsvolle Verhältnis von Natur und Technik, das hier empfindsam zum Ausdruck gebracht wird: zwischen Fördertürmen, Halden, Schornsteinen  und Bahndämmen erheben sich kleine Wohnhäuser und sogar Kirchen, und grüne Höhen und friedliche Gärten mischen sich darunter.“ (Werner Mirow, Junge niedersächsische Kunst - die Malerin Gerta Overbeck. In: Hannoversches Tageblatt, Nr. 330, 29.11.1934. Zitiert nach: Hildegard Reinhardt, Gerta Overbeck. In: Niederdeutsche Beiträge zur Kunstgeschichte. Band 18. München 1979. S. 239)


Eiswagen.

Aquarell auf festerem Papier, mit Pinsel signiert und datiert, auf dem Unterkarton von der Künstlerin in Bleistift betitelt und datiert, 1924. 34,4 : 25,5 cm.
Bis auf kleinere Randläsuren sehr schön erhalten.

Die hannoverschen Sachlichen sahen sich „in erster Linie als ‚vulgäre Maler‘ und hatten weder politisch noch künstlerisch den Ehrgeiz, Neuerer zu sein. Sie wollten vielmehr schlicht, nüchtern und verständlich auf die exklusiven und ästhetisierenden Tendenzen in der Kunst, auf Expressionismus, Dadaismus und Kubismus, reagieren.“
Mit ihrer Kunst wollten sie nicht anklagen, sondern Verständnis schaffen für die „kleinen Leute“. (Ines Katenhusen, Kunst und Politik. Hannovers Auseinandersetzungen mit der Moderne in der Weimarer Republik. Hannover 1998.  S. 263)


Hippodrom auf der Reeperbahn

recto
verso
Ernst Thoms, Mädchen im Café“

Gouache auf dickem Bütten, mit Pinsel signiert und datiert, 1926. 49 : 31 cm.

Verso: Stilleben mit Buch und Krügen.

Aquarell, mit Pinsel signiert.

In den Ecken Spuren von Heftzwecken; im oberen Bereich kleinere Farbabplatzungen, untere linke Ecke etwas geknickt. Verso mit Montierungsspuren.

Ausstellungen:
Neue Sachlichkeit in Hannover. Kunstverein Hannover 1974. Kat.-Nr. 12 (hier irrtümlich auf 1922 datiert)
Vom Art Brut zur Neuen Sachlichkeit - Realisten in Hannover. Galerie Krokodil 1975/76
Gerta Overbeck. Malerei des Realismus 1920-1933. Galerie Krokodil. Hamburg 1976
Realismus der Zwanziger und Siebziger Jahre. Ausstellung der GEDOK im Kunsthaus Hamburg 1976.
Die Neue Frau? Malerinnen und Grafikerinnen der Neuen Sachlichkeit. Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen 2015.Kat.Nr. 161 (mit ganzs. Abb.)

Eine allein sitzende Frau in einem Café oder einer Bar ist das Motiv in der Malerei der Neuen Sachlichkeit und wurde zugleich „zu einem Topos der Neuen Frau“ (Bettina Götz, Die Frau im Café. Zu einem Topos der Neuen Sachlichkeit. In: „Der stärkste Ausdruck unserer Tage“. Neue Sachlichkeit in Hannover. Katalog der Ausstellung im Sprengel-Museum Hannover 2001/2002. S. 57).  1925 malte Ernst Thoms, mit dem die Künstlerin von etwa 1925/26 bis 1928 liiert war, das Bild „Mädchen im Café“ (Sprengel Museum, Hannover; Gadesmann 8*), was die Künstlerin zu ihrer Komposition angeregt haben könnte. Beide Frauen sitzen vor einem Geländer , mit dem Rücken zum Geschehen hinter bzw. unter ihnen. Sie blicken scheinbar ins Leere, die Hände geradezu andächtig übereinander gelegt. Ihr Ausdruck ist ernst, ihre Getränke scheinen unberührt.  Sicher zählen die zwei nicht zum Schönheitsideal der zwanziger Jahre. Vielmehr stehen sie für jene „Neue Frau“, die sich selbstsicher und ihrer eigenen Stärke bewußt zeigt. Die „Neue Frau“ tritt nicht mehr im privaten „Salon“, sondern im öffentlichen Café, der einstigen Männerdomäne, auf. „Frauen, die ohne Herrenbegleitung ein Café aufsuchten, setzten noch immer ihren guten Ruf aufs Spiel. Derartige Leichtfertigkeit und Schamlosigkeit geriet schnell in den Verdacht der Prostitution.“ (Bettina Götz, Die Frau im Café. Zu einem Topos der Neuen Sachlichkeit. In: „Der stärkste Ausdruck unserer Tage“. Neue Sachlichkeit in Hannover. Katalog der Ausstellung im Sprengel-Museum Hannover 2001/2002. S. 58)
Diesen Frauentypus stellte Gerta Overbeck bereist 1922 und 1923 dar (siehe „Die Neue Frau? Malerinnen und Grafikerinnen der Neuen Sachlichkeit“. Katalog der Ausstellung in der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen 2015. Katalognr. 154 und 155).

*„Mit diesem Bild gewann Ernst Thoms den 2. Preis eines Kunstwettbewerbes der Berliner Zeitung ‚Literarische Welt‘ im Jahre 1927, deren Herausgeber Paul Westheim war. Damit wurde er über Hannover hinaus erstmalig einem breiteren Publikum bekannt. Bei der Dargestellten handelt es sich um die Buchhändlerin Tilly Höve, einer Bekannten Thoms. Die Räumlichkeiten auf dem Bild entsprechen denen des damaligen sogenannten ‚Wiener Cafés‘ am Kröpcke in Hannover.“ (Heinrich-Detlev Gadesmann, Beschreibender Werkkatalog der Ölbilder von Ernst Thoms. Dissertations Hamburg 1981. S. 56)

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