Kunstkontor Dr. Doris Möllers

Overbeck, Gerta (Dortmund 1898 - 1977 Lünen)

Heimweg

Federzeichnung mit Kohle und Deckweiß  auf Pergament, mit Tusche signiert und mit Bleistift datiert, 1922. 32,7 : 24,7 cm.
Auf dem Unterkarton betitelt.

„Die Kleinbürger und die unbürgerlichen Existenzen, Menschen, die vom Leben stiefmütterlich behandelt worden waren - sie und ihr tristes Ambiente sind als beständig wiederkehrende Motive in die Kunst der Hannover-Gruppe eingegangen.“

Mann mit Kind

Kreide- und Federzeichnung, teils leicht koloriert, auf Zeichenpapier, mit Bleistift signiert und datiert, 1922. 20 : 10,4 cm.
Verso von der Künstlerin in Bleistift betitelt.

Ein rätselhaftes Motiv: schützend hält der Mann das Kind im Arm, unter seinem Hut scheint Blut hervorzutreten. Die Lippen sind angespannt, der Blick zornig. Vor wem baut er sich derartig auf?


Zwillinge.

Tuschfederzeichnung auf Velin-Papier, mit Tinte monogrammiert und datiert, verso mit Bleistift betitelt: „Kalenderblatt: Zwillinge“ und signiert, 1922. 26,2 : 19 cm.
Von der Künstlerin auf dem Unterpapier in Bleistift betitelt :
„Zwillinge, Entwurf für ein Kalenderblatt“, signiert und datiert.
Stellenweise leicht fleckig, am linken Rand wohl von der Künstlerin verso mit Papierstreifen hinterlegt.

Die Mutter-Kind-Motive in Overbecks Frühwerk sind „in keinem Fall idyllische, verklärende Berichte vom häuslichen Glück, sondern Bildformulierungen, in die der Ernst und die Schwere der 20er Jahre Eingang gefunden haben.“ (Hildegard Reinhardt, Grethe Jürgens. Gerta Overbeck. Bilder der zwanziger Jahre. Katalog der Ausstellung im Kunstverein Bonn 1982. S. 14)  

Das Frühwerk Gerta Overbecks besteht aus Genreszenen, zu denen sie durch ihre unmittelbare Umgebung angeregt wurde. Typisch für diese Bilder ist „ein ungeheurer Bewegungsreichtum, eine bunte Erzählfreudigkeit und deutliche Bevorzugung des malerischen gegenüber dem kompositorischen Moment [...] niedergeschrieben in summarischer, pastoser Handschrift, die die Personen und Gegenstände gelegentlich eigenwillig verfremdet und verformt.“ (Hildegard Reinhardt, Grethe Jürgens. Gerta Overbeck. Bilder der zwanziger Jahre. Katalog der Ausstellung im Kunstverein Bonn 1982. S. 11 f.)


Schrottlager.

Aquarell mit Bleistift auf Velin, mit Kugelschreiber nachträglich monogrammiert, auf dem Unterkarton mit Bleistift signiert, datiert und betitelt, 1923. 13,8 : 20,5 cm.

Von den hannoverschen Sachlichen befaßt sich neben Erich Wegner nur Gerta Overbeck mit dem Thema Industrie. Hierzu schreibt sie 1932 im Wachsbogen (siehe Katalog-Nummer 24): „Man sollte meinen, daß ein Künstler sich von dem Profitgeist, der sich in einer ungeheuren Vergewaltigung und Ausbeutung von Mensch, Erde, Wasser, Luft durch die Industrie zeigt, abgestoßen fühlen müßte. Es zeigt sich aber, daß viele Versuche unternommen worden sind, einen künstlerischen Ausdruck für dieses naturfremde Gebiet zu finden. Die Empfindung, die man als lebendes Wesen zwischen dieser verstümmelten Natur hat, ist die einer grausamen, kulturlosen Lieblosigkeit. [...] Die Luft ist eine dicke Masse von Qualm, Staub und Eisenteilchen. Sie lagert über Feldern und Häusern und gibt nach kurzer Zeit allen Dingen eine gleichmäßige graue Färbung. Der Mensch ist zwischen Eisenbahndämmen, Zechengebäuden, Abflußkanälen und Schlackenbergen eingekeilt. Die Wege, die er einschlägt, um ins Freie zu gelangen, hören meist nach kurzer Zeit wieder auf, entweder vor einer Zechenmauer oder vor einem Schild „Durchgang verboten“. Sie sind nicht zum Spazierengehen gedacht. Der Mensch ist nur ein ganz unbedeutendes Etwas, auf das keine Rücksicht genommen zu werden braucht.“ (Gerta Overbeck, Industriebilder. In: Der Wachsbogen. Heft 7/8 1932 unpaginiert)


Massenunterkunft.

Bleistiftzeichnung auf kariertem Papier, mit Bleistift signiert und datiert, 1923. 21,4 : 14 cm.
Von der Künstlerin verso und auf dem Unterpapier in Bleistift betitelt.
Am oberen Rand perforiert.

„Innerhalb einer so komplexe, heterogenen Kunstströmung wie der Neuen Sachlichkeit steht die Hannover-Gruppe zwischen dem ‚rechten‘ Flügel, den ‚Idyllikern‘, etwa Kanoldt, Schrimpf oder Mense und dem ‚linken‘ Flügel, den ‚Veristen‘ Grosz, Dix, Griebel oder Scholz. Sie verstand sich als Vereinigung unpolitischer Künstler, obgleich politische Geschehnisse in ihren Arbeiten durchaus ihren Niederschlag gefunden haben. Es war jedoch nicht ihre Absicht, vordergründig politisch zu wirken. Ihre Leistung besteht aber wohl darin, das Kleinbürgertum der Weimarer Republik, so wie sie es in Hannover beobachten und erleben konnten, porträtiert zu haben, eine Schicht also, die das Gesicht der zwanziger Jahre unverkennbar mitgeprägt hat.“ (Hildegard Reinhardt, Gerta Overbeck. In: Niederdeutsche Beiträge zur Kunstgeschichte. Band 18. München 1979. S. 241)

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