Kunstkontor Dr. Doris Möllers

Overbeck, Gerta (Dortmund 1898 - 1977 Lünen)

Mann und Frau.

Tuschpinsel- und federzeichnung auf Pergament, mit Bleistift signiert und datiert, auf dem  Unterpapier in Bleistift betitelt, 1921. 33 : 24,6 cm.
In den Ecken verso Klebefilmstreifen, leicht recto durchschlagend.
„Nicht weit davon liegt die sogenannte ‚Rote Reihe‘, eine Gruppe müder, einander kaum noch stützender morscher Häuser. In diesem schmutzigen Häusergewirr, auf den seit Jahrhunderten ausgetretenen elenden Holzstiegen, in Verschlägen, mehr Käfigen gleich, nur durch dünne Tapetenwände oder Bretterverschläge von einander abgetrennt, hausten in Deutschlands Elendszeit die Ärmsten der Armen. [...] Auf der ‚Insel‘ war Diebesbörse und Hehlermarkt. Hier wurde (in der Sprache dieser Hinterwelt geredet) allabendlich geküngelt und geküchtebücht. [...] Abends, wenn der Mond hing über den morschen Dächern und grauen Schloten und den gespenstischen schwarzen Fluß versilberte, kam die schwere, dürre, zermürbte, zerarbeitete Leidensmenschheit aus ihren alten Kästen hervor und hing und hockte über der stinkenden Lagune, auf der alten Brücke: arme, sorgenschwere, kinderreiche Mütter, müdegewordene, früh verstumpfte Männer.“ (Theodor Lessing, Haarmann . Geschichte eines Werwolfs. 1925. Zitiert nach: Hannoversche Maler der Neuen Sachlichkeit. Eine Ausstellung der Niedersächsischen Sparkassenstiftung 1991. S. 10)


Hunger.

Federzeichnung über Bleistift auf Zeichenpapier, mit Bleistift signiert und datiert, 1921. 20,7 : 10,3 cm.
Verso erneut betitelt, die Ecken mit Papier verstärkt.

„An drei Stellen der Stadt erhob sich ein Gauner-, Hehler- und Prostitutionsmarkt ohnegleichen, dessen die Behörden nicht mehr Herr wurden. Zunächst im Bahnhof und auf den ihn umgebenden Plätzen. Hier wurde in der schweren Brotmarkenzeit, wo man Brot, Fleisch und Milch nur in kleinsten Rationen gegen teures Geld und nach stundenlangem ‚Schlangestehn‘ erhalten konnte, unter der Hand ein schwunghafter Handel mit gestohlenem und heimlich geschlachtetem Nutzvieh, auch mit Kaninchen, Ziegen, Hunden und Katzen, mit Kartoffeln, Mehl und mit allerhand gepanschter und verschobener Ware getrieben: vor allem aber mit Kleidern, Wäsche und Schuhen. Hier versammelten sich allnächtlich in den Wartesälen viele Obdachlose, Arbeitslose, Hungrige und Entgleiste...“ (Theodor Lessing, Haarmann . Geschichte eines Werwolfs. 1925. Zitiert nach: Hannoversche Maler der Neuen Sachlichkeit. Eine Ausstellung der Niedersächsischen Sparkassenstiftung 1991. S. 9)


Im Park

Lithographie auf festem Papier, mit Bleistift signiert und datiert, auf dem  Unterpapier in Bleistift betitelt und datiert, 1921. 29 : 22 cm.
Geringfügig fleckig.

Das in Hannover entstandene Frühwerk der Künstlerin ist formal geprägt von expressionistischen und kubistischen Einflüssen, inhaltlich „fixierte sie ihre Beobachtungen der Lebenswelt der ‚kleinen Leute‘, [...] der Menschen, die >Schwere der Goldenen 20er Jahre< (Ernst Thoms) durchlitten: ein Pandämonium von Randexistenzen, das in seiner Eigenwilligkeit und Radikalität einzigartig ist.“ (Hildegard Reinhardt, Gerta Overbeck. Die Neue Frau gegen den Strich gebürstet. In: Die Neue Frau? Malerinnen und Grafikerinnen der Neuen Sachlichkeit. Katalog der Ausstellung in der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen 2015. S. 146)



Mädchen mit Roller.

Gouache und Tuschfederzeichnung auf Velin, mit Bleistift signiert und datiert, 1922. 20 : 10,3 cm. Verso eine kleine Aquarellstudie.  
Auf dem Unterkarton von der Künstlerin in Bleistift betitelt und datiert.

Trotz ihrer desolaten finanziellen Situation trachteten die Künstler um Greta Overbeck nicht nach einer Marktgängigkeit ihrer Werke. „Sehr bewußt stellten wir uns in den zwanziger Jahren in Gegensatz zur sogenannten Gesellschaft. Wir wurden auf diese Weise davor bewahrt, den Leuten zuliebe landläufige und gut verkäufliche Themen zu wählen oder etwas nachzuahmen.“ (Gerta Overbeck zitiert nach: Hildegard Reinhardt, Gerta Overbeck. In: Britta Jürgs, Hrsg., Leider hab ich‘s Fliegen ganz verlernt. Portraits von Künstlerinnen der Neuen Sachlichkeit. Grambin 2000. S.  125)


Menschenfresser (verso: Industriearchitektur).

Verso: Gouache und Kohle mit Bleistift;  recto:  Aquarell mit wenig Gouache und Bleistift auf perforiertem Zeichenblockpapier; verso mit Bleistift signiert und datiert, 1922; recto mit Bleistift signiert und datiert, 1924.
Das Papier etwas gebräunt, leichte Altersmängel, sonst farbfrisch erhalten.
Provenienz: Privatsammlung Köln.

Ausstellung: „Der stärkste Ausdruck unserer Tage“. Neue Sachlichkeit in Hannover. Sprengel Museum Hannover 2001/2002. Katalognr. 304 (mit Abbildung)

Kennzeichnet für die Arbeiten in Mischtechnik, die in den frühen 20er Jahren entstanden, ist die stark eingeritzte Bleistiftkontur der einzelnen Bildelemente, die noch stellenweise auf der Rückseite reliefartig zu erkennen ist. Das Ergebnis erinnert entfernt an die Monotypien von Paul Klee.
Zu sehen sind ein Liebespaar auf einer Bank vor einem See mit Segelbooten, dahinter ein karger Baum, Hügel und ein Haus. Im Zentrum des Bildes greift ein Mann nach dem Arm eines kleinen Jungen, in der anderen Hand hält er eine Tüte, die vielleicht mit Bonbons gefüllt ist. Auf der rechten Seite kratzt sich ein Hund mit seinem Hinterlauf am Fell, dahinter sieht man neben einem weiteren Gebäude eine Art Gerüst.
Statt um ein heiteres Sonntagsvergnügen im Park, handelt es sich um eine düstere und geheimnisvolle Szenerie, was durch die Farben und den Gesichtsausdruck der beiden Protagonisten unterstrichen wird. Dieses schwer zu enträtselnde Bild steht wie schon die Zeichnung „Raskolnikow“ im Kontext mit Wegners Mordbildern.

© 2017 Kunstkontor - Alle Rechte vorbehalten.